Donnerstag, 20.09.2018
10:21 Uhr


Musik / DVD

Konstantin Wecker"Haben wir die Chance der Demokratie alle restlos verschlafen?"

veröffentlicht nach seiner Jubiläumstour die Live-DVD "Poesie und Widerstand"

Mit 70 geht er dem Spießbürgertum noch genauso unnachgiebig auf den Geist wie früher. Sein schönstes Geburtstagsgeschenk machte sich Konstantin Wecker im Juni letzten Jahres selbst: eine Jubiläumstour mit dem Titel "Poesie und Widerstand". Der Querschnitt aus 50 Jahren auf der Bühne, der nun auch im Rahmen einer DVD-Sammlung erscheint, war ein voller Erfolg. Und da kommt noch mehr: Aufgrund der großen Nachfrage geht der umtriebige Liedermacher 2018 mit Zusatzkonzerten in die Verlängerung. Dass ihn seine großen Themen, die Kunst, die Liebe und ein kritischer Blick auf die Gesellschaft, auch abseits der Bühne stets begleiten, zeigt Konstantin Wecker im Interview.

teleschau: Bei Ihrer Jubiläumstour traten Sie unter anderem im Circus Krone in München auf, dort wurde auch das Material für die Live-DVD aufgezeichnet. Warum liegt Ihnen dieser Veranstaltungsort besonders am Herzen?

Konstantin Wecker: Das ist praktisch mein Heimspiel-Ort. Da habe ich noch die Beatles und Bob Dylan gesehen. Als ich selbst zum ersten Mal dort spielen durfte, war das unglaublich. Dort sind zwar 2.000 Leute, aber man ist sich sehr nah. Dass ich da 2017 fünfmal spielte konnte, also in meinem hohen Alter öfter als früher, hat mich sehr gefreut.

teleschau: Dem Titel der Tour entsprechend spielen Sie Lieder von "Poesie und Widerstand". Sind Ihnen beide Themen heute noch gleichermaßen wichtig, oder verändert sich mit der Zeit die Gewichtung?

Wecker: Ich wollte in meinem Leben nie etwas anderes schreiben als Liebeslieder. Was mir immer wieder dazwischenkam, war die Wut. Ich bin erst jetzt im Alter darauf gekommen, dass das wunderbar zusammenpasst. Ich dachte früher, ich müsse mich von der Wut verabschieden und lieben lernen. Heute weiß ich: Wir brauchen die Wut, sonst würde man nie auf Missstände hinweisen.

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teleschau: Wie entstehen Ihre Songs üblicherweise?

Wecker: Mir passieren die Lieder. Ich habe mir noch nie ein Thema vorgenommen mit dem Ansatz: "Darüber schreibe ich jetzt." Mich erwischen die Worte, manchmal Sätze. Die führen sich dann im Innersten selbständig fort und sind ein paar Tage später fertig. So bin ich auch in der glücklichen Situation, durch meine eigenen Texte mehr über mich selbst zu erfahren.

teleschau: Kann Musik die Welt verbessern?

Wecker: Ja. Die Kunst überhaupt. Der Oberbegriff ist für mich Poesie. Das ist für mich ein Symbol für alle Arten der Kunst. Ich hatte dazu ein interessantes Gespräch mit Hannes Wader vor einigen Jahren. Er und ich müssen uns immer wieder anhören: "Ihr singt seit Jahren gegen Ungerechtigkeiten, aber es ist nichts besser geworden." Die Leute sollten aber mal anders fragen: Wie sähe die Welt aus, wenn es die vielen Mosaikteilchen der Künstler nicht gegeben hätte?

teleschau: Haben Sie im Verlauf der Jahre einen Wandel empfunden, was die Wirkung von Kunst auf das Publikum angeht?

Wecker: Was mir gerade in letzter Zeit am meisten auffällt, ist, wie sehr man ermutigen kann mit Kunst. Ein altes Klischee, neu interpretiert, ist der Spruch: "Dann geh doch in die Zentrale der AfD und sing' da deine Lieder vor!" Natürlich spiele ich zu 99 Prozent vor Menschen, die die gleiche Sehnsucht haben wie ich. Und die kann man dazu ermutigen weiterzumachen. Kunst kann Mut machen. Gerade in der heutigen Zeit ist das die Hauptaufgabe der Kunst.

teleschau: Haben Sie sich schon einmal gefragt, was ohne Kunst aus Ihnen geworden wäre?

Wecker: Dazu reicht mein Vorstellungsvermögen nicht aus. Ohne Kunst wäre mein Leben undenkbar. Ich bin mit einem Opernsänger als Papa aufgewachsen und einer Mutter, welche die Poesie sehr liebte. Die Kunst hat mir unglaublich viel gegeben. Sie hat mich immer wieder zu einem bestimmten Bewusstsein geführt und auch ermutigt.

teleschau: Welche Künstler haben Sie in jungen Jahren inspiriert?

Wecker: Ich hätte meine Pubertät ohne Georg Trakl (österreichischer Dichter, Anm. d. Red) nicht überstanden, meine spätere Jugend nicht ohne Henry Miller (US-Schriftsteller, d. Red.). "Als Künstler hat man quasi die Verpflichtung, Anarchist zu sein" - dieser Satz von Miller prägt mein ganzes Leben.

teleschau: Erinnern die jüngeren Konzertbesucher Sie an diese Zeit?

Wecker: Es gehen nicht allzu viele Jugendliche in meine Konzerte, aber die, die kommen, sind meistens doch die Außenseiter. Ich war in meiner Jugend selbst einer. Ich war nicht "in", nicht in den großen Cliquen. Da haben mich meine Vorbilder unglaublich gestützt, nicht mitzulaufen mit den anderen.

teleschau: Oft scheint es jedoch, als würde Kunst mit einer solchen Wirken heute nicht mehr bei so vielen Menschen ankommen wie früher.

Wecker: Das Hauptproblem ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, die jeden neuen Gedanken zu kommerzialisieren versucht. Weil es dieser Gesellschaft in erster Linie ums Geld verdienen geht. Auch die Kunst ist in einer Weise kommerzialisiert worden, dass sie in vielen Fällen nicht mehr eigenständig ist. Dazu fällt mir ein Lied ein, das bald 50 Jahre alt ist: "Ich singe, weil ich ein Lied hab, nicht weil es euch gefällt". Das ist auch auf der aktuellen DVD "Poesie und Widerstand". Etwas zu tun ohne die Absicht, damit Geld zu verdienen, das verschwindet immer mehr. Das ist ein Zeichen dieser Gesellschaft, die sich für so vernünftig hält.

teleschau: Ist unsere Gesellschaft denn nicht vernünftig?

Wecker: Alle Politiker sprechen immer von der Vernunft. Ich frage mich: Wie vernünftig ist eine Vernunft, die die Erde in diesem Maß zerstört hat und weiter zerstören will. Eine Welt, in der Mini-Atombomben gebaut werden. Nicht zur Abschreckung, sondern um sie tatsächlich dosiert einzusetzen nach dem Motto: "Dann sterben halt nur 100.000 statt eine Million Menschen". Das ist nicht vernünftig, das ist doch alles geisteskrank.

teleschau: Die gesellschaftliche Stimmung hat sich zuletzt in vielen Ländern verändert, auch in Deutschland. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Wecker: Ganz Europa hat sich in den letzten Jahren leider ganz schrecklich verändert. Kein klar denkender Mensch hätte sich das vor zehn Jahren vorstellen können. Da wurde von gewissenlosen Populisten ein angstbesetztes Thema auf schändliche Weise missbraucht - das Flüchtlingsthema. Natürlich hätten wir die Ressourcen zu einer Willkommenskultur gehabt. Man hat auch gesehen, wie die Mehrheit der Leute vor zwei Jahren noch bereit gewesen wäre, die Flüchtlinge mit offenen Armen aufzunehmen. Dieser Diskurs wurde missbraucht von Politikern, die gehofft haben, ihre Macht dadurch auszubauen.

teleschau: Erst werden Ängste geschürt, dann ändern die Menschen ihre Ansichten?

Wecker: Es war schon immer so: Wenn man Menschen unterdrücken will, muss man ihnen erst Angst machen. Dann kann man sie besser beherrschen. In Österreich wünschen sich laut einer Umfrage zuletzt mehr als 43 Prozent wieder einen starken Führer. Da frage ich mich: Haben wir die Chance der Demokratie alle restlos verschlafen?

teleschau: Was für ein Zeugnis würden Sie in dieser Hinsicht Deutschland ausstellen?

Wecker: Deutschland hat noch immer einen großen Pluspunkt. Deutschland hat die schreckliche Vergangenheit besser als alle anderen Länder der Erde aufgearbeitet. Wir haben allerdings auch die schaurigste Vergangenheit. Dass die Vergangenheit hier ziemlich gut verarbeitet wurde, ist unter anderem ein Verdienst der 68er-Bewegung, die in diesem Jahr 50 Jahre alt wurde. Andere Länder wie Österreich oder die Kolonialisten haben das nicht annähernd geschafft. Deshalb ist die AfD auch so darum bemüht, die Vergangenheitsbewältigung zu beenden. Man denke nur an Björn Höckes "Denkmal der Schande"!

teleschau: Sie feierten 2017 Ihren 70. Geburtstag. Fühlt sich das Leben anders an, wenn vorne eine Sieben steht?

Wecker: Das größte Thema war für mich die Zahl Fünf vorne. Mit der kam ich nicht klar. Ich denke, je älter man wird, desto bewusster kann man das Alter annehmen. Es ist ja keine Schande, dass man das geschafft hat. In meinem Fall ist es sogar ein Wunder (lacht). Da muss man dankbar sein, dass es möglich war, das so lange durchzustehen.

teleschau: Egal ob mit 25, 50 oder 70 Jahren: Die Liebe war immer eines Ihrer großen Themen. Ist das ein "ewiges" Thema?

Wecker: In meinem Leben habe ich viele Menschen in festen Beziehungen erlebt. Jede einzelne Beziehung hat ihre eigenen Geheimnisse und ihre eigenen Absprachen, die man von außen nicht erkennen kann. Es lohnt sich einfach, nach der Liebe zu streben. Das Lieben zu lernen - so nenne ich es bei mir immer -, das ist ein lebenslanger Vorgang.

teleschau: Haben Ihre Kinder Ihnen auch etwas über die Liebe beigebracht?

Wecker: Mein Leben wurde durch meine Kinder unglaublich bereichert. Was man mit Kindern lernt, ist bedingungslose Liebe. In meinem Programm ist ein "Lied an meine Kinder" dabei. Das halte ich für eines der wichtigsten Lieder, die ich jemals geschrieben habe. Darin heißt es: "Ich wollte euch nie erziehen. Erziehen zu was? Zum Ehrgeiz, zur Gier? Zum Chef im richtigen Lager? Ihr wisst es, ich habe ein großes Herz für Träumer und Versager."

teleschau: Hatten auch Ihre Eltern ein großes Herz für Träumer?

Wecker: Ich hatte großes Glück mit meinem antiautoritären Vater, gerade wenn man die Generation bedenkt. Dieses Elternhaus haben zu dürfen, war vielleicht das Glück meines Lebens.

teleschau: Was sind Ihre kreativen Pläne für die Zukunft?

Wecker: Ich lasse viel auf mich zukommen, weil ich gelernt habe: Immer wenn ich feste Pläne gemacht habe, hat das Schicksal mir einen Strich durch die Rechnung gemacht und eigene Pläne gehabt. Es kommt immer etwas dazwischen, das ist eine interessante Erkenntnis. Schicksalsschläge, aber auch Glücksmomente. Dafür sollte man offen sein.

teleschau: In Rente zu gehen, kommt für Musiker sowieso nicht infrage, oder?

Wecker: Ich weiß, dass ich im Moment noch unheimlich viel Spaß am Klavierspielen und Singen habe. Wenn ich den nicht mehr hätte, würde ich aufhören. Wir haben alle mal schlechte Tage. Wenn ich am Klavier sitze und den ersten Ton anspiele, geht es mir besser. Solange ich dieses Wundermittel habe, mache ich weiter.

Michael Eichhammer

Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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