Musik / Backstage

Mehr, aber nicht genug

Eindrücke vom Protest-Event "Wir sind mehr" in Chemnitz

Pop-Musik-Deutschland greift ein. Die Straßen der sächsischen Großstadt Chemnitz waren in den letzten zehn Tagen ein gruseliger Ort. Ein Tötungsdelikt, bei dem ein Iraker und ein Syrer als tatverdächtig gelten, wurde von Rechten und Neonazis teilweise zum Anlass genommen, nicht nur zu demonstrieren, sondern ausländisch aussehende Menschen verbal und körperlich anzugreifen. Eine Woche später fand nun unter dem Titel "Wir sind mehr" eine friedliche Gegenveranstaltung statt, die beinah zum Musik-Festival wurde und 65.000 Menschen anzog.

Die beiden Deutschrapper Casper und Marteria hatten angekündigt, solidarisch im früheren Karl-Marx-Stadt aufzutreten. Die Chemnitzer Künstler Kraftklub und Trettmann, die Punkbands Feine Sahne Fischfilet und Die Toten Hosen sowie K.I.Z. und Nura zogen nach. Während der Konzerte wurden Spenden gesammelt, die zur Hälfte der Familie des ermordeten Daniel H. zugutekommen sollen und zur anderen Hälfte Bündnissen, die in Sachsen antirassistische Arbeit leisten.

Die Polizei in Sachsen war nicht nur während der rechten Demonstrationen überfordert, sie erlebt auch eine Vertrauenskrise. Die Landesregierung schien nicht in der Lage, das Geschehen klar zu verurteilen, als am Donnerstag in Chemnitz ein Bürgergespräch stattfand. Bleibt also die Kunst, um die Massen zu mobilisieren und ein Zeichen zu setzen. Entgegen aller Diskursverschiebungen in der Gesellschaft scheint es in der deutschen Pop-Musik noch Einigkeit darüber zu geben, dass Fremdenhass inakzeptabel ist.

Je nachdem, wo man am Montag bei "Wir sind mehr" in der Menge steht, kann man eine unpolitische Party-Veranstaltung erleben. Aber was für eine Menge das ist auf dem Rathausplatz! 65.000 Menschen sind es nach Angaben der Stadt Chemnitz.

Viele sind von weither angereist. Das zeigen schon die Kennzeichen der Autos, die sich an den Autobahnausfahrten stauen. Man trifft Menschen aus Leipzig und Berlin, aber auch aus bayerischen Großstädten, die angeben, "für die Aktion" gekommen zu sein, nicht wegen eines einzelnen Konzertes. Bereits im Shuttle-Bus in Richtung des Geländes sind aber auch sichtlich alkoholisierte Menschen anzutreffen. Eine Gruppe singt unsinnigerweise "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin" und trägt K.I.Z.-Merchandise.

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Die Straßenzüge von Chemnitz werden dann erneut von einer Menschenmasse übernommen, die meisten sind weiß. Menschen ausländischer Herkunft, die in der Innenstadt Geschäfte und Lokale betreiben, stehen am Rand und beobachten das Treiben skeptisch. Manche von ihnen scheinen kein großes Bewusstsein dafür zu haben, dass diese Menschenflut eine andere ist als die, die eine Woche zuvor durch die Straßen zog. Sie wundern sich offenbar nur, was in ihrem Wohnort dieser Tage los ist.

Lokalmatador Trettmann eröffnet den musikalischen Teil am frühen Abend mit dem Song "Grauer Beton", der sich mit seinem Aufwachsen in der DDR auseinandersetzt und ein karges, trostloses Bild zeichnet. Er hatte schon eine Woche zuvor, unmittelbar nach den Ausschreitungen, ein Interview bei "Deutschlandfunk Kultur" gegeben. Seit der Wende spüre er Ausländerfeindlichkeiten und Hass gegenüber linkem Gedankengut, berichtete er dort. Wie lange man die Kraft habe zu kämpfen, müsse jeder selbst entscheiden. Dieser Abend wird denen, die schon lange kämpfen, Kraft spenden.

Trettmann ist aus Chemnitz nach Leipzig gezogen. Kraftklub sind geblieben. "Wir waren vor zwei Wochen hier, und wir werden auch noch hier sein, wenn die Kameras wieder weg sind", erklärt Frontmann Felix Brummer auf der Bühne. "Ich will nicht nach Berlin", heißt einer ihrer größten Hits. Chemnitz braucht sie mehr.

Die Berliner Rap-Kombo K.I.Z. macht auf der Bühne die stärksten Statements des Abends, während ein Großteil des Party-Publikums ihre Merch-Artikel trägt. "Wo sind meine linksversifften Gutmenschen?", begrüßt K.I.Z.-Mitglied Maxim ironisch das Publikum. Vor dem Song "Boom Boom Boom" holt er zum Rundumschlag aus. Er spricht vom "Schaden, den diese Nation auch in Friedenszeiten, auch wenn in Chemnitz keine Ausländer gejagt werden, verursacht", von deutschen Waffenlieferungen in Krisengebiete und unterlassenen Seerettungen. K.I.Z. stechen damit heraus, während manche Künstler über ein "Geil, das ihr so viele seid!" und "Für Chemnitz!" nicht hinauskommen.

Sollte es nicht gerade an diesem Abend darum gehen, noch nicht stolz und zufrieden zu sein, sondern zu mobilisieren? Auch im Publikum wird diskutiert. "Zu viele Floskeln", findet ein junger Mann, der aus Berlin angereist ist. Das Rassismus-Problem im Osten könne ein Konzert nicht lösen. Sein Mitreisender setzt entgegen: Wenn diejenigen, die heute Abend lediglich einen guten Abend haben oder ein Idol auf der Bühne sehen, diese Veranstaltung gedanklich damit verknüpfen, dass man sich gegen Rechts eingesetzt hat, sei das schon ein positiver Effekt.

Die beiden Männer haben sich heute morgen auf Facebook kennengelernt, bei der Organisation einer Mitfahrgelegenheit. Viele Menschen haben sich bemüht, sich lustige Schilder auszudenken: "Gutbürger statt Hutbürger" steht dann darauf oder der Klassiker "Nazis essen heimlich Döner". Zwischen den Shows werden die letzten Zugverbindungen in Richtung Leipzig eingeblendet. Der Stadtverkehr ist wie lahmgelegt - abgesehen von den Shuttle-Bussen, die unaufhörlich in Richtung des Konzertgeländes fahren. Chemnitz kümmert sich. Probleme haben lediglich die Sanitäter, die mehrfach benötigt werden und kaum durch die Menschenmassen kommen. Eine Durchsage mahnt, ihnen Platz zu schaffen, K.I.Z. pausieren sogar kurz, damit eine Person abtransportiert werden kann. Elf Menschen müssen ins Krankenhaus, meldet die Stadtverwaltung, größtenteils sind sie in der Menge kollabiert.

Der Rostocker Marteria erinnert an die Ausschreitungen im Stadtteil Lichtenhagen, erzählt, wie er damals geschockt mit seiner Mutter und seiner Schwester das Geschehen verfolgte. Hunderte Gewalttäter bildeten 1992 einen Mob; eine Unterkunft für Asylbewerber wurde mit Molotowcocktails und Steinen beworfen. Auch damals fanden in den darauffolgenden Tagen Konzerte gegen Rassismus statt, und es entstanden die "Lichterketten", eine stille Demonstrationsform. "Das hier heute Abend ist auch eine Lichterkette!", ruft Marteria auf der Bühne.

Dass mit 26 Jahren Abstand eine so ähnliche Situation eingetreten ist, gibt zu denken. Während des Konzerts von Casper und Marteria hat Rapperin Nura einen Gastauftritt und performt den Titel "Ich bin schwarz", der sich Klischees über schwarze Menschen ironisch aneignet. In diesen wenigen Minuten erfüllt Nura viele Quoten: Sie ist die einzige Frau und neben Tarek von K.I.Z. die einzige nicht weiße Person im Line-up. Auf der Bühne trägt sie eine Regenbogenfahne, Symbol der Lesben- und Schwulen-Bewegung, um auch dieser Gruppe ein bisschen Sichtbarkeit zu verschaffen. Deutschland hat offensichtlich immer noch zu wenige Popstars, die keine heterosexuellen weißen Männer sind.

Als die Toten Hosen den Abend beschließen, ist Nuras Auftritt scheinbar schon wieder vergessen. "Das sind alles gute Jungs im Backstage", behauptet Altrocker Campino, bevor er ein wenig Fußball-Metaphorik bemüht: "Wenn es heute auch noch gewaltfrei bleibt, dann war das ein ganz klares 5:0." Eine große Rede des Mannes, der bei der Echo-Verleihung noch stellvertretend den vermeintlichen Antisemitismus von Kollegah und Farid Bang kritisierte, bleibt aus. Dafür haben die Hosen Songs wie "Willkommen in Deutschland" und "Sascha ... ein aufrechter Deutscher" im Gepäck, die sich an Fremdenhass und Neonazis abarbeiten. Als schließlich Ärzte-Sänger Rod Gonzáles und Beatsteaks-Frontmann Arnim Teutoburg-Weiß auf die Bühne kommen, um gemeinsam den Ärzte-Song "Schrei nach Liebe" zu singen, ist das ein passender Abschluss. Immerhin entstand diese wohl ikonischste antifaschistische Hymne in deutscher Sprache 1993 als Reaktion auf die rechten Ausschreitungen in Hoyerswerda.

Gewaltfrei blieb es. Das ist eine wichtige Vorbeugung gegen die Stimmen, die linke und antifaschistische Aktionen gerne mit rechten Aktionen vergleichen oder gar gleichsetzen, wenn es um das Gewaltpotenzial geht. Die Polizei meldete im Rahmen von "Wir sind mehr" keine besonderen Vorkommnisse. Gegenproteste von Pro Chemnitz und Thügida waren von der Stadt nicht genehmigt worden mit dem nachvollziehbaren Argument, die Veranstaltungsorte seien bereits belegt.

Es waren mehr (als bei den rechten Aufmärschen zuvor), aber es waren auch noch nicht genug, um irgendjemanden glauben zu machen, Fremdenfeindlichkeit sei in Deutschland eine Ausnahme. Das wurde deutlich, als auf der Bühne an die rechten Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda erinnert wurde. Eine der wichtigsten Waffen in diesem Kampf ist immer noch das Geschichtsbuch. Pop-Musik und 65.000 Menschen haben aber in Chemnitz auch einen großen Beitrag geleistet. Nun gilt es, sich dafür einzusetzen, dass man nicht in 26 Jahren vor einer ähnlichen Bühne stehen und sich an Chemnitz erinnern muss.

Mathis Raabe

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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