Dienstag, 19.06.2018
01:08 Uhr


Musik / CD

Erdmöbel: Hinweise zum Gebrauch"Ich Punkrock, du das grüne Apfelshampoo"

Der Titel des neuen Albums der Band Erdmöbel verspricht "Hinweise zum Gebrauch". Es ist eine Mogelpackung, denn natürlich setzt die Gruppe einmal mehr auf die Verwirrungstaktik. "Mir war ziemlich klar, dass wir wieder mal Texte haben, die nicht beim ersten Mal verstanden werden", gibt Multiinstrumentalist Ekki Maas zu. In der Band ist der Produzent zuständig für Bass, Gitarre, Posaune und Electronics. Der Anspruch von Sänger und Gitarrist Markus Berges und Ekki Maas an das Album sah nach eigener Aussage dann auch so aus: Sie wollten "Lieder, wo man sagt: 'Hey, was soll das denn?'" Wohl wissend, dass Radiostationen üblicherweise einen großen Bogen um musikalische Enigma-Maschinen machen.

Immerhin, mit der "Hoffnungsmaschine" wirken die Erdmöbel einen Moment lang Mainstream-tauglich. Das liegt zum einen am hohen Ohrwurm-Faktor des Songs, zum anderen an der prominenten Duett-Partnerin: Judith Holofernes , bekannt von der Band Wir sind Helden. Eingängige Melodien und wohlgefällige Arrangements bieten zwar auch die anderen neun Songs des Albums, doch textlich landen die Erdmöbel immer wieder in kryptischen Gefilden.

In "Tutorial" widmet sich sich Markus Berges dem Influencer-Phänomen, indem er das YouTube-Tutorial einer Nachwuchs-Schauspielerin übers Fake-Weinen als Sprechgesang rezitiert. Bemerkenswerterweise gelingt es den Erdmöbeln selbst mit diesem pseudopoetischen Stück, die Hörer emotional anzustubsen. Die größte Verwirrung stiftet der letzte Track, der auch Inspiration für das Album-Cover war: Das Stück ist "Barack Obama" gewidmet - sollte man meinen. Doch dann geht es gar nicht um den ehemaligen Regierungschef der USA, sondern um den Musiker Al Jarreau, der ein Jahr vor seinem Tod im Weißen Haus vor dem damaligen Noch-Nicht-Ex-Präsidenten auftrat. Grundlage für die Lyrics war ein Nachrichtentext. Und erneut gelingt es der Band, die Hörer mit eigentlich nüchternen, faktischen Wortbausteinen um den Finger zu wickeln.

Der Rest des Albums ist textlich weniger dadaistisch, zeigt aber stets, warum die Erdmöbel seit Jahren eine Lieblingsband des Feuilletons sind: Wie keine andere deutschsprachige Formation kreieren Erdmöbel auf Umwegen Lyrics von literarischem Wert. Gleichzeitig ist Sänger Berges wichtig, dass die Sache nicht künstlich wirkt: "Ich wollte als Songwriter ein sehr persönliches Album machen. Darüber, wie es mir geht, aber auch darüber, wie es allen geht. Was gerade in der Luft liegt."

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Das Musikvideo zu "Hoffnungsmaschine" drehten die Erdmöbel ausgerechnet in der vermeintlichen No-Go-Area um den Kölner Ebertplatz. Politische Zeichen können eben auch subtil sein. Weniger subtil ist dagegen der Titel "Erschlagt die Armen", mit dem die Band - reißerisch wie eine Yellow Press-Headline - beweist, dass Popmusik irritieren und zum Nachdenken anregen kann. "Wenn man sein Leben so lebt wie man will, dann hat das eine politische Bedeutung. Da hat auch die Musik, die man macht, eine politische Bedeutung", erklärt Ekki Maas. "Was ich nicht sagen kann, sagt dir mein Mixtape. Ich Punkrock, du das grüne Apfelshampoo": So erklärt sich Berges bereits im elegischen Opener "Ich bleibe jung".

Die Musik, welche den zehn "Hinweisen zum Gebrauch" als Soundtrack dient, klingt immer handgemacht und direkt. Der Erdmöbel-Sound ist so zeitlos, dass er auf einem Easy-Listening-Sampler aus den 60-ern auch kaum aus der Reihe tanzen würde - zumindest, wenn man die Texte wegdenkt. Der besondere Charme, der die Erdmöbel schon immer auszeichnet, ist auch diesmal präsent: Selbst in den federleichtesten Momenten ist da immer eine Prise Wehmut.

"Rasenmäher" etwa klingt oberflächlich nach guter Laune, doch unter der Konfetti-Schicht lauert die Ernüchterung. "Diese Sekunde verpufft nie im Leben. Und ist jetzt trotzdem vorbei. Wir sind ein Schwamm aus Flitter und Heu. Ach du willst reden, verzeih, ich dachte schweben." Den Gipfel der Euphorie markiert dann die programmatische "Party deines Lebens". Musikalisch klingen die Erdmöbel hier sogar relativ modern, zumindest für ihre Verhältnisse. Will heißen: kein Abhängen im Szene-Club, sondern eine Aufforderung zum Disco-Fox in der Tanzbar.

Michael Eichhammer

Audio CD
Bewertungausgezeichnet
CD-TitelHinweise zum Gebrauch
Bandname/InterpretErdmöbel
GenreDeutschpop
Erhältlich ab23.02.2018
LabelJippie!
VertriebRough Trade
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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