Donnerstag, 26.04.2018
19:13 Uhr


Musik / Backstage

"Glück muss man sich anderswo im Leben erwerben"

gehen ab 23. Januar auf "Unplugged"-Tour

Im Sommer 1985 erlebte die Band a-ha ihren Durchbruch mit dem Hit "Take On Me". Die drei Musiker aus Norwegen, einem der damals ungewöhnlichsten Heimatorte für internationale Popstars, wurden zu Ikonen des MTV-Zeitalters. Dazu avancierte der melancholisch-jungenhafte Sänger Morten Harket zum Sehnsuchtstypen für Millionen Mädchen und Frauen. Nebenbei verkaufte das Trio - trotz zweier Bandauflösungen - mehr als 80 Millionen Tonträger. Im November veröffentlichten a-ha ein schönes, durchaus ungewöhnliches "MTV Unplugged"-Album. Ab 23. Januar tourt die Band damit durch Deutschlands Konzerthallen. Ein Gespräch mit Morten Harket (58) und Keyboarder Magne Furuholmen (55) über Pop-Sehnsüchte damals und heute sowie die schwierige Suche nach dem Lebensglück.

teleschau: Viele große Bands haben in ihrer Geschichte ein "MTV Unplugged"-Album aufgenommen. Warum hat es bei a-ha so lange gedauert?

Magne Furuholmen: Ich weiß es nicht. Als die Nirvanas und Eric Claptons das in den 90-ern gemacht haben, fragte man uns nicht. Vielleicht dachte man, unser Pop sei zu elektronisch. Dabei stimmt das überhaupt nicht. Wir sind altmodische Musiker. Unsere Lieder entstanden immer ganz klassisch an der Gitarre oder am Klavier. Die Idee, ein akustisches Album aufzunehmen, kam immer wieder mal auf. Diverse Bandauflösungen verhinderten, dass aus der Idee früher Realität wurde.

teleschau: Ist ein "Unplugged"-Album heute etwas anderes als in der großen Zeit dieser Popidee, also in den 90-ern?

Morten Harket: Wir wollten auf jeden Fall, dass es anders klingt. Eine Lagerfeuer-Variante unserer alten Songs aufzunehmen, wäre uninteressant gewesen. Wir arbeiteten mit einem norwegischen Produzenten zusammen, der musikalisch völlig anders sozialisiert ist. Er (Lars Horntveth, d. Red.) interessiert sich sehr für Jazz und Progressive Rock. Wir baten ihn, unser Material anzuschauen und umzuarbeiten. Das tat er dann so heftig, das wir uns selbst kaum wiedererkannten. Es war jedoch ein guter Moment für die Band. Wir rückten so eng zusammen, wie wir es seit Anfang der 80-er nicht mehr getan hatten. Zwischen uns dreien herrschte wieder eine große Nähe. Gemeinsam schufen wir eine Synthese aus der Idee des Produzenten und unseren. Wir lernten irgendwie, worum es bei a-ha wirklich geht.

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teleschau: Und um was geht es?

Furuholmen: Darum, das Gefühl der Menschen mit diesen Songs zu erreichen. Es waren früher meistens sehr melancholische Lieder, die mit der Maske des Synthie-Pop-Hits daherkamen. Einen Song wie "Take On Me" erinnern die meisten, die alt genug sind, als fröhlichen Radiopop. Spätestens mit der "Unplugged"-Version wird deutlich, dass diesem Hit ein ziemlich trauriges Gefühl zugrunde liegt.

teleschau: War es früher Ihr Plan, der Masse zu verheimlichen, dass Sie eigentlich ziemlich traurigen Pop machen?

Harket: Nein, wir wollten ja international erfolgreich sein. Deshalb sind wir sehr jung von Norwegen nach England gegangen. Trotzdem kann man seine Herkunft und Prägung nicht verleugnen. Die norwegische Kultur ist sehr melancholisch. Sie finden dieses Gefühl überall: in der klassischen Musik, der Malerei und auch der Literatur.

teleschau: Kann man das norwegische Lebensgefühl beschreiben?

Furuholmen: Es geht um die enge Beziehung des Menschen zur Natur, aber auch um Entfremdung und Einsamkeit. Wir wollten aus diesem Gefühl starke Popsongs erschaffen. Wir betrachteten diese Einflüsse immer als Stärke, nicht als Schwäche einer Popband. Es gibt Musiker, deren Ziel ist es, den perfekten Popsong zu schreiben. Dieser Gedanke lag uns immer sehr fern. Wir wollten nur authentisch unser Gefühl rüberbringen. Dass es sich wie Pop anhörte, war eher ein Unfall.

teleschau: Herr Harket, Ihre außergewöhnliche Stimme klingt immer noch wie am Anfang Ihrer Karriere. Hatten Sie Angst, dass sie sich mit dem Alter verändern würde?

Harket: Die Stimme ist lebendig. Der gesamte menschliche Körper stellt ein komplexes Gebilde dar. Man kann durchaus sagen: Ich spiele das empfindlichste Instrument in der Band. Heute bin ich ein bisschen erkältet, und morgen Abend haben wir einen Live-Auftritt. Also mache ich mir ein wenig Sorgen. Wenn man älter wird, verändert sich der Körper. Auch die Sorgen werden eher mehr. Bisher hatte ich das Glück, dass meine Stimme vom Alterungsprozess verschont blieb. Trotzdem kann das jederzeit passieren. Aber eigentlich bin ich ein Typ, der gelassen mit solchen Veränderungen umgeht. Es nutzt nichts, sich gegen die Natur und das Leben zu stemmen. Man muss mit diesen Veränderungen leben.

teleschau: a-ha waren die ersten norwegischen Weltstars in der Geschichte des Pop. In welcher Weise hat dieser Umstand Ihr Leben beeinflusst?

Furuholmen: Anfang der 80-er spielte Pop in Norwegen keine große Rolle. Es gab nur eine Stunde Popmusik pro Tag im Radio, das muss man sich mal vorstellen. Ein norwegisches Selbstbewusstsein in Sachen Populärkultur war quasi nicht vorhanden. Wir wussten, dass wir daheim mit unserer Band keine Chance haben würden und sind deshalb weggegangen. Als wir dann berühmt wurden, drehte sich das Ganze. Wir wurden zum nationalem Symbol. Die Leute schwenkten Flaggen bei unseren Konzerten. Man fühlte sich ein bisschen, als spielte man in der Nationalmannschaft (lacht).

Harket: Dagegen leben wir heute in einer völlig andere Zeit. Es spielt keine Rolle mehr, woher man kommt, wenn man berühmt werden will.

teleschau: Das heißt, wir leben heute in Sachen Pop in glücklicheren, demokratischeren Zeiten?

Furuholmen: Einerseits ja, weil sich die Künstler über das Internet selbst vermarkten können. Viele musikalische Karrieren finden längst außerhalb des Musik-Business statt. Zu unserer Zeit wäre das völlig undenkbar gewesen. Mein Sohn und Mortens Tochter sind ebenfalls Musiker geworden. Es ist schwer für uns, ihnen Tipps zu geben, weil sich das Business so radikal verändert hat. Unsere Kinder wissen viel besser als wir, wie der Laden heutzutage läuft.

Harket: Natürlich gibt es aber auch Dinge, die zu unserer Zeit besser waren. Damals investierten manche Plattenfirmen viel Geld und Zeit in tolle Künstler, die nicht wirklich Hit-Potenzial besaßen. Einfach deshalb, weil sie spannende Künstler waren, die aufregende Musik machten. Damals wurden solche Leute gewissermaßen vor der Wirklichkeit geschützt. Heute müssen sie sich in ihr durchsetzen.

teleschau: Bekommt man heute mehr oder weniger Zeit, sich mit seiner Kunst durchzusetzen?

Furuholmen: Auch wenn es unlogisch klingt: Beides ist der Fall. Klar, früher gab es Plattenverträge. Die liefen eine Zeit lang, und wenn die Firma unzufrieden war, wurde man irgendwann fallengelassen. Heute besteht lebenslang die Chance, mit der eigenen Kunst bekannt zu werden. Andererseits ist alles sehr stressig und schnelllebig geworden. Ich unterrichtete letztes Jahr an einer Popschule in Norwegen. Da saßen blutjunge Kids, die mit ihrer Musik Karriere machen wollten. Einige von ihnen hatten damals bereits 80 oder 90 Millionen Streams ihrer Songs im Internet. Ich glaube, in meiner Klasse wurde die Musik meiner Schüler insgesamt 500 Millionen-mal gestreamt. Das ist toll, erzeugt aber auch Druck, so etwas aufrechtzuerhalten.

Harket: Als wir bekannt wurden, waren wir 22 oder 23 Jahre alt. Wir fanden uns ziemlich jung damals. Mittlerweile bin ich als Coach in der TV-Show "Voice of Norway" tätig. Da zählen Sänger dieses Alters schon fast zu den Ältesten. Ich habe das Gefühl, man muss immer jünger sein, um von den Medien als Star gepusht zu werden. Das ist eine eher bedenkliche Entwicklung.

teleschau: Hat der Ruhm glücklichere Menschen aus Ihnen gemacht?

Harket: Berühmt zu sein oder nicht - das sind zwei völlig unterschiedliche Leben. Wer berühmt ist, wird zum Außenseiter der Gesellschaft. Er ist nicht länger Teil der Masse oder seiner Gruppe. Du bist außen vor, weil alle anderen dich beobachten und beurteilen. Als Star verliert man gewissermaßen alles, was man hatte. Und man gewinnt es nie zurück. Berühmt zu werden, ist eine gewaltige Veränderung im Leben eines Menschen. Insofern fällt es mir schwer, die Frage zu beantworten.

Furuholmen: Berühmt zu sein, fühlt sich auf jeden Fall von innen völlig anders an, als es von außen beschrieben wird. Ich würde sagen, Glück spielt in diesem Zusammenhang gar keine Rolle. Ruhm macht niemanden glücklicher. Er kann jedoch Menschen unglücklicher machen, keine Frage ...

teleschau: Das klingt, als hätten Sie auf manche Aspekte des Starseins lieber verzichtet ...

Furuholmen: Ich will mich nicht beschweren. Der Ruhm schenkte uns die Möglichkeit, Dinge zu tun, die wir ansonsten nie hätten machen können. Und natürlich sorgt Erfolg auch für ein Gefühl des Glücks, weil die eigene Arbeit oder Kunst Gehör findet. Dieses Gefühl hält jedoch nie lange an. Das Gefühl, glücklich zu sein, kommt aus einer ganz anderen Ecke des Lebens.

Harket: Ruhm war auch nie unser Ziel. Wir wollten ihn, sonst wären wir mit der Musik nie aus unserem norwegischen Keller herausgekommen - und das wollten wir unbedingt. Als wir bekannt wurden, fühlte sich der Ruhm dann eher wie eine Zwangsjacke an. Es ist eine kuriose Sache: Erst willst du berühmt werden, um frei zu sein. Dann bist du es, was deine Freiheit wiederum massiv einschränkt. Ich beschäftige mich seit 35 Jahren mit dem Problem, wie ich meine Freiheit zurückgewinne. Aber auch ich bin der Meinung: Glück muss man sich anderswo im Leben erwerben. Ob man auf der Suche nach Glück ein Star ist oder nicht, es spielt wirklich keinerlei Rolle.

a-ha auf Tournee:

23.01. Stuttgart, Schleyerhalle

24.01. Frankfurt, Festhalle

26.01. Hannover, TUI Arena

27.01. Leipzig, Arena

29.01. Berlin, Mercedes-Benz-Arena

30.01. Hamburg, Barclaycard-Arena

03.02. München, Olympiahalle

06.02. Köln, Lanxess Arena

Eric Leimann

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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