Musik / Backstage

Zum Weltschmerz ist alles gesagt

feiert nach schwerer Zeit mit "Das Licht dieser Welt" ein kleines Comeback

"Es ist still um ihn geworden" - ein Satz, den man gern so hinschreibt, wenn ein Musiker die Öffentlichkeit meidet. Auf Gisbert zu Knyphausen, den Liebling der deutschen Indie-Songwriter-Szene, traf dieses Klischee in den vergangenen Jahren mehr als zu. Nach dem tragischen Tod seines Freundes und Kollegen Nils Koppruch, mit dem er zuvor noch ein Nebenprojekt gestartet hatte, zog sich der gebürtige Wiesbadener 2012 zurück. Kein Songwriting mehr, kein Album. Ein paar Auftritte als Bassist bei Olli Schulz; das jährliche Festival auf dem Gutshof seiner Eltern - das war's. Nach fünf Jahren erlebt der 38-Jährige nun mit einem lebensbejahenden Album ein kleines Comeback. Ein Gespräch über "Das Licht dieser Welt", über schwierige Zeiten, Familie und den Abschied von der Schwermut.

teleschau: Fünf Jahre sind seit dem letzten Album vergangen - wie blicken Sie auf diese Zeit künstlerisch zurück?

Knyphausen: Persönlich ist sehr viel passiert. Ich bin älter und selbstbewusster geworden. Musikalisch probierte ich mit der neuen Band neue Ansätze - etwa Experimente mit dem Computer und die Öffnung der Arrangements für mehr als Gitarren. Es fühlte sich ein wenig wie ein Neuanfang an. Auch im Studio zu sein.

teleschau: Hatten Sie nicht Angst um Ihr Image als "minimalistischer Songwriter"?

Knyphausen: Das Bild hatten viele von mir. Dabei spielte ich ja schon immer mit Band. So weit entfernt von meinen früheren Alben ist die neue Platte ja nicht - es gibt kein Elektrogepiepe (lacht). Trotz einiger Soundfrickeleien bin ich immer noch ein Songschreiber. Wichtig ist die Geschichte, die der Song erzählt.

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teleschau: Noch so ein Image, dass Sie besitzen: der Liedermacher Knyphausen. Haben Sie das jemals so angenommen?

Knyphausen: Daran waren wir ein bisschen selbst schuld. Über die ersten Demos schrieb jemand, sie klängen wie Reinhard Mey in cool. Das wurde dann für einen Promotext übernommen. Außerdem hatte ich damals für den "Rolling Stone" ein Liedermacher-Treffen mit Mey. Da war das Bild natürlich da. Ein wenig komisch fand ich den Begriff "Liedermacher" schon - damit verband ich eher ältere Leute wie Konstantin Wecker. All diese Recken, die ich nie gehört habe. Persönlich war ich ja eher von englischsprachigen Songwritern beeinflusst. Aber mein Gott: Sollen die Leute mich so nennen (lacht)!

teleschau: Auf dem neuen Album scheint es, als würden Sie das Lyrische Ich vermehrt von Ihrer eigenen Person lösen.

Knyphausen: Ich hatte Lust, andere Geschichten zu erzählen, die unabhängiger von meinem Inneren sind. Zum ersten Mal auch in der dritten Person. Erst wollte ich mich so richtig auskotzen, merkte dann aber, dass ich das nicht mehr bin. Oft muss man den Umweg über andere Geschichten nehmen.

teleschau: Hatten Sie den Blick in Ihr Innerstes auf den ersten beiden Platten auserzählt?

Knyphausen: Auf jeden Fall. Ich könnte nicht noch einmal so eine Platte machen. Zu den Weltschmerz-Themen habe ich alles gesagt.

teleschau: Auf dem neuen Album spielt hingegen Freiheit eine große Rolle ...

Knyphausen: Das war gar nicht konzeptuell gedacht. Es ist eine universell menschliche Auseinandersetzung, Freiheit von Zwängen zum Beispiel. Aber auch mein ewigwährendes Thema, das Nebenmirstehen, das mich denken lässt: Was machen wir eigentlich hier? Warum machen wir diesen ganzen Quatsch? (lacht) In einem Song geht es um verschiedene Arten von Freiheit - bis hin zum Tod als ultimativer Form der Freiheit. Vom Dasein, vom Körper.

teleschau: Der Tod Ihres Freundes und Kollegen Nils Koppruch war eine Zäsur - in künstlerischer und persönlicher Hinsicht. War das neue Album eine Art abschließende Verarbeitung dessen?

Knyphausen: Das passierte eher indirekt. Den Tod zu thematisieren, war meine Art, damit umzugehen, auch mit dem Tod meiner Mutter und meiner Oma. Doch ich merkte, dass ich über Nils' Tod und die Zeit danach kein direktes Lied schreiben wollte. Ich habe Nils über seinen Song "Etwas Besseres als den Tod finden wir überall" dabei, an dem ich weitergearbeitet habe.

teleschau: Das neue Album ist zugleich sehr lebensbejahend. War das auch ein Umgang mit den tragischen Ereignissen?

Knyphausen: Nach Nils' Tod zog ich mich sehr aus der Öffentlichkeit zurück, räumte ein bisschen in meinem Privatleben auf und entdeckte eine andere Art, aufs Leben zu schauen. Dadurch fand ich auch eine neue Freude am Leben, das kann man so platt sagen. Ich gehe glücklicher durch mein Leben als zuvor.

teleschau: Gab es denn einen Punkt, an dem Sie darüber nachdachten, sich gänzlich aus dem Musikgeschäft zurückzuziehen?

Knyphausen: Etwa ein Jahr lang merkte ich, dass es mich extrem traurig macht, mich hinzusetzen und Songs zu schreiben. Aber es stand für mich nie ernsthaft in Frage. Es gab eine lange Zeit, in der ich nicht auftrat. Und Phasen, in denen ich so raus war aus allem, was ich die sieben oder acht Jahre zuvor gemacht hatte. Da fragte ich mich manchmal, ob es nicht andere Lebensentwürfe für mich gibt. Aber das ging schnell vorbei. Ich hab total Bock, Musik zu machen.

teleschau: In den vergangenen Jahren ist ja nicht nur bei Ihnen persönlich, sondern auch gesellschaftlich und politisch viel passiert. Welchen Einfluss hatte das auf Ihre Kunst?

Knyphausen: Das Album ist ja weit davon entfernt, politisch zu sein. Noch habe ich für mich nicht den richtigen Ansatz gefunden, darüber zu erzählen, ohne dass es mir selbst peinlich ist, konkret politisch zu werden. Bei anderen Bands bewundere ich das immer. Bei mir zeigt sich das aktuell eher bei Themen wie Einsamkeit im Alter oder Leben in der großen Stadt. Eher privat-gesellschaftliche Themen.

teleschau: Privates, das ja durchaus politisch ist.

Knyphausen: Klar, die Frage, was wir mit denen machen, die aus der Arbeitsgesellschaft herausfallen, ist politisch. Wenn keiner sich Zeit nimmt oder keiner Zeit hat, weil er sich selbst den Arsch abarbeiten muss, um über die Runden zu kommen. Es geht uns in Deutschland da noch sehr gut - und doch gibt es Bevölkerungsteile, die arbeiten und arbeiten und müssen es dennoch stemmen, den Vater oder den Opa zu pflegen. Ich finde es schade, dass die Wichtigkeit der Familie in unserer Gesellschaft nicht mehr Konsens ist.

teleschau: Sind Sie denn selbst ein Familienmensch?

Knyphausen: Ich bin wieder Familienmensch geworden. Eine Weile lang wollte ich mich sehr von meinem recht konservativen Elternhaus freimachen, um den Weg als Künstler weiterzugehen. Aber ich bin gern mit meiner Familie zusammen, eigentlich viel zu selten.

teleschau: Besuchen Sie das Gut Ihrer Familie noch oft? Zum "Heimspiel Knyphausen"-Festival laden Sie ja jährlich Tausende aufs Weingut Baron Knyphausen.

Knyphausen: Ja, es gehört meinem Vater und mittlerweile auch meinem älteren Bruder, der den Hof weiterführt. Er organisiert auch das Festival, bei dem auch mein Vater mitmischt. Der freut sich immer voll, dass es stattfindet. Es ist cool, über diesen Weg meine Familie unterstützen zu können. Schließlich gab es lange Zeit auch finanzielle Probleme. Man denkt ja immer, da ich aus einer adligen Familie mit riesigem Landsitz stamme, wir wären steinreich.

teleschau: Wie war es wirklich?

Knyphausen: Es hat uns an nix gemangelt, ich wurde im Studium unterstützt. Wir waren schon wohlhabend. Aber irgendwann sind die Reserven erschöpft. Über die Musik und das Festival hab ich jetzt einen Weg gefunden, dass das auch in der Familie bleibt. Es ist schon ein Traum: Dass ich Lieblingsbands für unseren Garten buchen darf, wo ich früher Fußball spielte und über den kleinen Teich ruderte (lacht).

teleschau: Würden Sie das als eine Art Versöhnung mit Ihrer Familie beschreiben?

Knyphausen: Das ist weniger dramatisch. Vielleicht in der Hinsicht, dass mein Vater irgendwann merkte: Aha, der kann ja auch Geld damit verdienen. Und sich damit aussöhnte, dass ich diesen Lebensweg einschlage.

Maximilian Haase

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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