Sonntag, 19.11.2017
09:52 Uhr


Musik / Backstage

Zurück im Leben

verarbeitet mit "From Then On" seinen Horrorunfall

Der Ausblick ist traumhaft. Das türkise Meer glitzert in der Sonne, die Küste unweit des mallorquinischen Urlaubsortes Cala Bona ist von Palmen gesäumt, in der Ferne segelt ein Schiff dem Horizont entgegen. Paul van Dyk, der in den 90er-Jahren ins Musikbusiness einstieg und längst zu den erfolgreichsten DJs der Welt gehört, hat es sich auf der Restaurantterrasse unter einem weißen Pavillon bequem gemacht. Im Hintergrund läuft sein neues Album "From Then On". Während in Deutschlad der Herbst Einzug hält, feiert van Dyk auf Mallorca die offizielle Weltpremiere seiner Single "I Am Alive". Alles wunderbar bei Paul van Dyk, könnte man meinen. Doch vor Kurzem sah die Welt für ihn noch ganz anders aus - der 45-Jährigen hat die schlimmste Zeit seines Lebens hinter sich.

"I Am Alive" - treffender könnte der Titel seiner Single nicht sein. Dass Paul van Dyk heute auf Mallorca feiern kann, grenzt an ein Wunder. Im Februar 2016 stürzte er bei seinem Auftritt auf dem "A State Of Trance"-Festival in Utrecht von der Bühne. "Ich war nicht etwa betrunken oder auf Drogen", stellt er klar. "Bei der Konstruktion hatte jemand etwas falsch gemacht." Durch ein abgehängtes Loch in der Bühne fiel er sechs Meter tief. Dabei zog er sich einen doppelten Bruch der Wirbelsäule und ein Schädel-Hirn-Trauma mit Blutungen an mehreren Stellen im Gehirn zu. Seiner Mutter und seiner Verlobten sagten die Ärzte damals, dass sie froh sein könnten, wenn weiterhin alle lebensnotwendigen Organe funktionieren.

Paul van Dyk überlebte, doch die kommenden Monate waren hart. Essen, laufen und sprechen musste er neu lernen. "Das Schlimmste waren in jener Zeit nicht die wirren Gedanken wie 'Was, wenn ich nie wieder laufen kann?' sondern die wirklich kaum auszuhaltenden Schmerzen", gesteht er. "Das sind Momente, in denen selbst bei jemandem, der sich gut unter Kontrolle hat, die Tränen laufen." Den Ausdruck "zurückgekämpft" mag van Dyk nicht. "Ich habe mich nicht zurückgekämpft. Ich bin ganz langsam zurück gekrochen, und es liegt immer noch ein langer Weg vor mir."

Schmerzen hat van Dyk nämlich nach wie vor. Außerdem ist er schnell müde und erschöpft. "Ich konzentriere mich aber lieber auf die positiven Dinge", erklärt er. "Ich habe von der Welt da draußen so viele Liebe und Zuspruch erfahren. All die Ärzte, Professoren, Krankenschwestern und das Pflegepersonal waren großartig. Jeder einzelne hat mir geholfen, wieder zu mir zu finden - vor allem natürlich meine Frau. Dank ihr hatte ich einen Grund, zu kämpfen und nie aufzugeben. Alleine packst du so eine Nummer nicht."

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Es dauerte, bis die Musik wieder in das Leben von Paul van Dyk zurückkam. "Ich habe es sehr lange vor mir her geschoben, meine Maschinen wieder anzumachen, weil ich einfach Panik davor hatte. Ich dachte: Was, wenn ich nichts mehr fühle, wenn da keine Kreativität mehr ist?", beschreibt der Musiker seine damalige Gefühlslage. "Die heftigste Hirn-Blutung war dort, wo das Sprachzentrum ist. Direkt daneben ist auch das Kreativzentrum. Es hätte durchaus sein können, dass Musik für mich plötzlich nur noch Lärm ist." Zum Glück war dem nicht so. Nur eineinhalb Jahre nach dem Unfall veröffentlicht van Dyk nun also sein achtes Album "From Then On".

Natürlich verarbeitete der als Matthias Paul in Eisenhüttenstadt geborene DJ und Produzent mit den neuen Songs das Erlebte. "Musik war für mich immer ein Mittel, um mich auszudrücken", erklärt er. "Und gerade in so einer Situation, in der einem die Worte fehlen ... wie soll man so etwas auch beschreiben? Kann man nicht. Von daher hat meine Musik mir schon geholfen, das Ganze zu verarbeiten." Musikalisch transportiert das Album zweifellos eine neue Lebensfreude. Sie pluckert mal entspannt vor sich hin und ist in anderen Momenten sehr tanzbar. Doch zwischen all dem finden sich auch zahlreiche Referenzen an die jüngste Vergangenheit. Das Stück "Stronger Together" zum Beispiel ist als Dankeschön an seine Frau Margarita Morello zu verstehen, andere Songs scheinen sich mit Titeln wie "Touched By Heaven" oder eben "I Am Alive" direkt auf den Unfall zu beziehen - genauso wie der Albumtitel selbst, der übersetzt so viel wie "Von da an" bedeutet.

Man könnte sagen: Paul van Dyk hat so etwas wie eine zweite Chance bekommen. Lebt es sich nun leichter, nachdem er etwas so Schlimmes erlebt hat? "Ehrlich gesagt ist das nicht so", verrät er. "Dir wird eher klar, wie schnell es gehen kann, und es schleicht sich eine alltägliche Angst ein. Wenn meine Frau früher zum Supermarkt gegangen ist, habe ich darüber gar nicht nachgedacht. Eine halbe Stunde später war sie ja zurück. Heute gucke ich alle paar Minuten auf die Uhr - weil ich weiß, dass es von einer Sekunde auf die andere vorbei sein kann."

Gleichzeitig sei seine Wahrnehmung aber auch im positiven Sinne intensiver geworden. Ein Spaziergang etwa sei für ihn heute viel mehr als nur ein bisschen Bewegung. "Ich war vorher auch niemand, der Sachen als selbstverständlich betrachtet hat", fügt er hinzu. "Aber der Blickpunkt verändert sich schon. Dir wird klar, wie toll diese Welt ist. Was ich vorher schön fand, finde ich jetzt noch viel schöner."

Nadine Wenzlick

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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