Musik / Backstage

Soul-Songwriting in Super 8

Michael Kiwanuka veröffentlicht "Home Again"

Vor Vorschusslorbeeren kann sich Michael Kiwanuka dieser Tage, Wochen und Monate kaum retten. Im Januar gewann der 24-jährige Brite den treffsicheren BBC-Poll "Sound Of 2012", auch weitere Medien listeten ihn ganz oben in ihrer Prognose über die Newcomer des Jahres. Schon vor diesen Lobeshymnen ging er mit Adele und Laura Marling auf Tour - zu einer Zeit, da er außer einer Demoversion seiner Single "Tell Me A Tale" noch keinen Song veröffentlicht hatte. Klingt nach viel Druck für einen, dessen Debütalbum erst jetzt das Licht der Popwelt erblickt und dessen zurückgenommenes Soul-Songwriting mit Hektik und Chartanbiederung so gar nichts am Hut hat. Kiwanuka kann also von Glück sprechen, dass die auf "Home Again" versammelten Songs schon längst im Kasten waren, als alle über ihn zu reden begannen. Und dass die Sache mit der Karriere im Scheinwerferlicht nie geplant war.

Michael Kiwanuka wird 1988 im Nord-Londoner Stadtteil Muswell Hill geboren. Eine weiße Middle-Class-Gegend, wie er sagt, in der er aber nicht durch seine Hautfarbe aufgefallen sei, sondern dadurch, dass er sich mit seinem zwei Jahre älteren Bruder ein Zimmer teilen musste.

Kiwanukas Vater, ein Elektro-Ingenieur, kam in den Siebzigern, seine Mutter in den frühen Achtzigern aus Uganda nach London, beide lernten sich dort kennen. Auswanderung vor dem diktatorischen Regime? "Ich weiß nicht, ob sie flohen", sagt der Sohnemann heute, der die Heimat seiner Eltern bisher dreimal selber besuchte. "Klar war Idi Amin an der Macht. Sie waren aber keine Asiaten, hatten also keinen Grund zur Flucht. In England fanden sie mehr Möglichkeiten, im Westen sind die Verhältnisse einfach stabiler." Verhältnisse, in denen Michael Kiwanuka wie alle anderen Kids aus seiner Gegend zur Schule ging, jobbte und Nirvana, The Offspring und Blur hörte.

Zum Motown-Sound, wie ihn Kiwanuka heute spielt und mit warmer Stimme singt, kam er erst über Umwege. Er lernte Gitarre und entdeckte nach der Rockmusik erst Otis Redding und Bob Dylan für sich, dann sein eigenes Talent. Nach der Schule verdingte er sich als Studiomusiker für Rapper und "alle anderen, die mir dafür Geld gaben". Irgendwann traute er sich, seine eigenen Songs ein paar Leuten vorzuspielen und -zusingen. Die kamen bei immer mehr Freunden und Bekannten so gut an, dass Kiwanuka sie aufnahm - der Rest ist bald Popgeschichte.

Drei EPs veröffentlichte er im digitalen Vertrieb in den vergangenen zwölf Monate. Hervorragende Stücke wie "I'll Get Along", "Rest" und das titelgebende "Home Again" etwa finden sich auch auf seinem jetzt erschienenen Debüt wieder, es ist also eine Art Best-Of seine bisherigen Arbeiten. Langweilig ist ihm sein Album deshalb noch nicht: "Du sagst ja auch nicht: 'Mein Kind ist jetzt zehn Jahre alt, langsam langweilt es mich.'"

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Noch sind seine Eindrücke ohnehin frisch. Und um die visuelle Umsetzung seiner Songs kümmert sich Michael Kiwanuka auch gerne selbst. Das in seiner Sixties-Ästhetik seinem Klang entsprechende Video zu "Tell Me A Tale" drehte er mit einer Super-8-Kamera in Berlin und Hamburg, als er mit Adele unterwegs war. Auf einem Flohmarkt, an einer Brücke und in einem stillgelegten Vergnügungspark, etwa. Ja, er könne sich schon vorstellen, mal nach Berlin zu ziehen. Weit genug weg von London, aber nicht zu weit.

Seine Musik scheint ohnehin kaum an einen Ort gebunden zu sein. Warum aber seine nostalgischen Folk-Soul-Songs überall gut angekommen, versteht der Künstler nicht so recht: "Schon bei 'Tell Me A Tale' dachte ich, wir wären zu weit gegangen. Wer will denn heute noch Saxofonsoli und Orgeln hören? Vielleicht erscheint es den Radiohörern dieser Sound neuer als die Beats, die sie seit Jahren überall zu hören kriegen. Vielleicht fühlen sie sich auch mit den Sechzigern und Siebzigern verbunden, an die sie meine Musik erinnert."

Mit diesem Grundgefühl von zeitloser Gestrigkeit steht Kiwanuka gerade in England nicht allein da. Adele, Duffy, Amy Winehouse, Plan B, sie alle transportierten schon ihre Vorliebe für alten Soul in die Gegenwart. Vielleicht liegt sein bevorstehender Erfolg also doch in einer anhaltenden "Retromania" begründet, einem Schlagwort, mit dem der britische Musikjournalist Simon Reynolds kürzlich in seinem gleichnamigen Buch die Popmusik der Nuller-Jahre charakterisierte. Michael Kiwanuka würde das nicht stören. Verpflichtet fühlt er aber nur sich selbst und seinem Publikum. "Ich möchte von möglichst vielen Menschen überall auf der Welt gehört werden, nicht nur von Szenecheckern", sagt er schüchtern während des Interviews.

Anbiedern will er sich dabei aber nicht: Er könne sich auch vorstellen, ein Album in seiner Muttersprache aufzunehmen, so Kiwanuka. Bislang sei sein Swahili aber noch zu schlecht. Und außerdem muss bei allen Karriereplänen und Vorschusslorbeeren schließlich Zeit für Hobbies und Freunde bleiben: Seit seiner Kindheit ist Michael Kiwanuka Fan der Tottenham Hotspurs. Ein Kumpel hatte eine Dauerkarte, dessen Schwester auch. Und weil die nicht so auf Fußball stand, "tat ich früher einfach so, als wäre ich seine Schwester", erinnert sich Kiwanuka und lacht. Ins Stadion geht er noch immer, wenn er kann, "auch wenn wir seit Jürgen Klinsmann keinen Spitzenstürmer mehr hatten".

Michael Kiwanuka auf Deutschland-Tournee:

22.04., München, Ampere

23.04., Berlin, Postbahnhof

01.05., Köln, Club Bahnhof Ehrenfeld

Fabian Soethof

Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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