Sonntag, 18.02.2018
11:19 Uhr


Kino

Guillermo del Toro"Ich hatte noch nie das Gefühl, irgendwo dazuzugehören"

führt bei "Shape of Water - Das Flüstern des Wassers" (Start 15. Februar) Regie

Die märchenhafte Romanze "Shape of Water" ist für 13 Oscars nominiert. Die Lovestory zwischen der stummen Putzfrau Elisa (Sally Hawkins) und dem Fischmann (Doug Jones) strahlt eine zarte Nostalgie aus. Die wird allerdings empfindlich gestört, als Elisa erfährt, dass der in einem Regierungslabor gefangen gesetzte Fischmann bei lebendigem Leib seziert werden soll. Elisa und ihre Freunde Zelda (Octavia Spencer) und Giles (Richard Jenkins) setzen alles daran, das mystische Wesen zu befreien. Im Interview spricht Regisseur Guillermo del Toro über das Heute und Gestern in Amerika und kommt in Sachen Liebe direkt auf den Punkt ...

teleschau: Herr del Toro: Sie erzählen da ein Märchen, aber eines mit ungewöhnlicher sexueller Moral ...

Guillermo del Toro: Es gibt viele Versionen von "Die Schöne und das Biest", in denen auch Sexualität eine Rolle spielt. Aber die sind dann entweder puritanisch geprägt - dann haben die beiden zwar Sex, aber um Sex haben zu können, muss sich das Biest erst in einen Menschen verwandeln - oder es handelt sich um wirklich pervertierte Fassungen, wo der Sex die Reinheit dominiert. Ich finde das alles sehr puritanisch und wollte die Geschichte einfach als Liebesgeschichte erzählen: Die beiden verlieben sich, sie haben Sex und anstatt dass das Biest sich verwandelt, bringt es am Ende des Films die tiefsten Geheimnisse der Schönen ans Licht.

teleschau: Inwieweit hat der Film auch damit zu tun, dass Sie sich derzeit als Immigrant oder Minderheit in den USA fühlen?

del Toro: Sehr viel. Aus diesem Grund sollte die Handlung des Films auch 1962 spielen. Denn wenn es in Amerika heißt "We make America great again", dann bezieht sich dieser Spruch auf ein Amerika, das es in dieser Form nie gegeben hat. Alles, was sich auf die Zukunft bezog, wurde in den 60-ern idealisiert. Aber es war eine Zukunft, die dann nie wahr wurde. In den Sechzigern hatten die Autos Haifischflossen, die Küchen waren beeindruckend ausgestattet, die Gattinnen trugen perfekt frisierte Haarschöpfe und tolle Kleider. Alles war automatisch und modern. Aber zur gleichen Zeit wurde Kennedy erschossen.

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teleschau: Ein Schock für die selbstsichere Nation ...

del Toro: Ihr Camelot brach zusammen. Und dann kam Vietnam. In meinem Film verkörpert Michael Shannons Figur des Geheimdienstmannes Richard Strickland jemanden, der tatsächlich an das Camelot glaubt. Das ist kein Film über 1962. Es ist ein Film über Rassismus, Klassenbewusstsein, sexuelle Moral - das gab es alles schon 1962, und es hat sich nicht in Luft aufgelöst.

teleschau: Ist es derzeit schwierig, liberale Dinge wie Nacktheit und Sex im stockkonservativen Amerika zu zeigen?

del Toro: Wenn die körperliche Liebe zwischen einer Frau und einem Amphibienmann stattfindet, ganz sicher (lacht). Aber ich mache es mir nicht einfach bei solchen Sachen. Ich denke im Vorfeld nicht als Erstes: Oh, kann ich diese Sexszene mit dem Fischwesen tatsächlich wagen? Ich frage lieber: Fühlt sich das organisch für die Story des Films an? Muss ich diesen Film tatsächlich drehen? Ich überlege mir das sehr genau bei jedem Film. Wenn ich also einen Film drehe, dann muss ich vorher das Gefühl haben: Der muss gedreht werden. Und wenn ich ihn nicht drehe, dann dreht ihn niemand.

teleschau: Warum sind Sie so strikt in Ihrer Auswahl?

del Toro: Ich bin 52 Jahre alt. Ich könnte mich zur Ruhe setzen. Ich ziehe mich an wie der letzte Mensch und fahre ein vier Jahre altes Auto. Mir gehören weder eine Privatinsel noch ein Jet. Ich könnte in Rente gehen und den lieben langen Tag Filme von Mervyn LeRoy und William Wellman schauen. Und ich fände das ein tolles Leben.

teleschau: Empfinden Sie sich in Hollywood noch immer als Außenseiter?

del Toro: Ich empfinde mich in jeder Lebensphase gleichermaßen als Außenseiter. Ich hatte noch nie in meinem Leben das Gefühl, irgendwo "dazuzugehören". Ich bin zu sehr Genrefilmer für die Kunstkinofraktion und zu sehr Arthouse für den kommerziellen Film. Ich bin ein verrückter Typ. Ich tue das, was ich tue, immerhin schon seit 25 Jahren, und ich habe vor, noch zehn weitere Filme zu machen. Ich kann die für eine Million oder für 100 Millionen drehen. Irgendwie habe ich es also geschafft zu überleben. Wenn ich also gerade keinen großen Studiofilm drehen kann, dann eben einen kleinen europäischen. Ich kreise ständig, werde nicht abhängig, von gar nichts.

teleschau: In Ihren Filmen sind die Guten oftmals ausschließlich gut, die Bösen oft ausschließlich böse, wie im Märchen. Sie scheinen den Kontrast von Schwarz und Weiß zu lieben ...

del Toro: Vorsicht mit dieser Einschätzung! Mir ist es wichtig, dass zum Beispiel der Bösewicht Richard Strickland in der Mitte des Films einen sehr, sehr verletzlichen Moment hat. Dann erst versteht man, woher er emotional kommt. So eine Szene dreht man nicht, wenn man nur schwarz-weiß malen möchte. Gleichzeitig ist es mir sehr wichtig, dass die Eröffnungsszene des Films die Heldin zeigt, wie sie im Badezimmer masturbiert. Es geht mir nicht um sexuelle Unschuld. Es liegt schlicht in der Natur einer bildlichen Darstellung, dass sie von Kontrasten lebt. Ich finde es aber interessant, dass man mit Richard Strickland durchaus mitfühlen kann. Deshalb muss man ihn noch lange nicht mögen. Oder nehmen Sie Elisas Nachbarn Giles: Er gehört zwar zu den Guten, kreist aber unglaublich um sich selbst. Innerhalb dieser Parameter muss der Film aber meiner Meinung nach ein Märchen bleiben.

teleschau: Was werden Sie tun, wenn Ihre zehn nächsten Filme abgedreht sind, außer alte Hollywoodklassiker auf DVD zu gucken?

del Toro: Ich will vor allem lesen! Ich habe so viele Bücher zu Hause, die ich noch lesen möchte. Ich hinke ungefähr 2.000 Bücher hinterher, mindestens. Ich möchte sämtliche Filme meiner Lieblingsregisseure in der Reihenfolge sehen, in der sie diese gedreht haben, um ihre Entwicklung als Geschichtenerzähler zu verstehen.

teleschau: Warum wissen Sie so genau, dass sie noch zehn Filme drehen wollen?

del Toro: Ich bin 52 Jahre alt und wiege 140 Kilo. Ich mache mir echt Gedanken über die Sterblichkeit. Es gibt Museen, die ich besuchen möchte, Bücher, die ich lesen möchte. Es gibt Tage, an denen ich morgens aufwachen möchte und nichts geplant habe, als meine Kaffeetasse festzuhalten, auf meiner Terrasse zu sitzen und die Leute zu beobachten, die vorbeilaufen. Das konnte ich Jahrzehnte nicht tun. Ich bin alle sieben Tage in einem anderen Land. Zurzeit habe ich das Gefühl, ich sollte das Leben und die Filme ein wenig besser ausbalancieren.

Kerstin Lindemann

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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USA 2017, R: Guillermo del Toro, D: Sally Hawkins, Michael Shannon, Richard Jenkins u.a.

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