Kino

Denis VilleneuveDer traut sich was

stellte sich der Herausforderung, mit "Blade Runner 2049" (Kinostart: 5. Oktober) die Fortsetzung eines Kultfilms zu inszenieren

Eigentlich, verriet Denis Villeneuve (50) beim Interview in Berlin, möge er gar keine dystopischen Filme. "Ich will optimistische Filme machen, Utopien, keine Dystopien. Ich bin kein Zyniker." Trotzdem wagte sich der kanadische Filmemacher ("Sicario", "Arrival") an eine Fortsetzung von "Blade Runner" (1982). Eine echte Herausforderung, nicht nur, weil Ridley Scotts SciFi-Noir-Filmoper düsterer kaum sein könnte. "Blade Runner 2049" (Kinostart: 5. Oktober) muss sich, egal wie gut der Film sein wird, immer dem Vergleich mit dem kultisch verehrten Original stellen. Eine Belastung, die Denis Villeneuve allerdings gut ignorieren kann. "Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis, Ridley Scott ist es auch." Umso unverständlicher, dass "Blade Runner 2049" der Presse aufgrund der Verleihpolitik nicht vor dem Interview gezeigt wurde.

teleschau: Warum wird eigentlich so ein Geheimnis um "Blade Runner 2049" gemacht? Wir hätten uns gerne mit Ihnen über den Film unterhalten ...

Denis Villeneuve: Ich auch. Ehrlich, das müssen Sie mir glauben. Ich verstehe auch nicht, warum es noch keine Pressevorführungen gibt. Dabei habe ich extra darum gebeten. Aber das Studio wollte partout nicht. Die Verantwortlichen sagten, sie hätten in der Vergangenheit bei anderen Filmen schlechte Erfahrungen mit Spoilern gemacht. Es gibt wohl eine Art Wettkampf unter Filmblogs: Wer weiß mehr, wer kann mehr Details liefern?

teleschau: Ein bisschen mehr Vertrauen in die Presse wäre trotzdem schon gewesen.

Villeneuve: Ganz Ihrer Meinung! Es macht meinen Job ja auch unnötig kompliziert, wenn ich Ihnen gegenüber sitze und nicht über den Film sprechen darf. Ich kann die Entscheidung persönlich auch nicht nachvollziehen, weil ich mit meinen früheren Filmen überhaupt keine schlechten Erfahrungen mit der Presse gemacht habe. Jetzt fühle ich mich wie ein Autoverkäufer, der ihnen einen Wagen andrehen will, aber Sie nicht Probe fahren lässt.

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teleschau: Sie haben, das kann man ja in den Trailern sehen, den ursprünglichen Noir-Look des Films respektvoll modernisiert.

Villeneuve: Das war eine bewusste Entscheidung. Mir hat übrigens niemand in den kreativen Prozess reingeredet, das möchte ich gleich klarstellen. Ich wollte das Publikum da abholen, wo es sich auskennt: "Blade Runner 2049" spielt in derselben Gegend von Los Angeles wie der erste Film. Da kann es ja nicht plötzlich ganz anders aussehen. Obgleich es bei aller visuellen Ähnlichkeit auch Unterschiede gibt. Immerhin sind 30 Jahre vergangen, die in der Atmosphäre der Erde ihre Spuren hinterließen. Aber das visuelle Design war gar nicht so wichtig.

teleschau: Was denn dann?

Villeneuve: Das Sounddesign! Ich bestand mit aller Macht darauf, dass mein Film soundtechnisch Ridley Scotts so ähnlich wie möglich ist. Der Sound und die Musik von "Blade Runner" haben mich damals am meisten beeindruckt. Deswegen "bat" ich die Komponisten darum, dass sie mit denselben Instrumenten arbeiten wie Vangelis. Irgendwoher trieben sie dann tatsächlich noch so einen alten analogen Synthesizer auf, einen Yamaha CS-80. Ein echtes Biest, das schwer zu bändigen ist.

teleschau: Wann haben Sie "Blade Runner" zum ersten Mal gesehen?

Villeneuve: Ich muss etwa 14 gewesen sein. Damals war ich ein echter Science-Fiction-Nerd, und es gab nicht viele Regisseure, die das Genre ernst nahmen.

teleschau: Es war die "Star Wars"-Zeit ...

Villeneuve: Das war eher ein Kinderfilm. "Star Wars" war nicht für Erwachsene konzipiert. Es gab wenige Filme wie Stanley Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum" oder Steven Spielbergs "Close Encounters - Unheimliche Begegnung der dritten Art". Deswegen hat mich "Blade Runner" echt umgehauen: Weil Ridley Scott eine erwachsene, eine reife Zukunftsvision zeigte. Man konnte, man musste nachdenken, "Blade Runner" ist ein Film wie ein expressionistisches Gemälde. Er provoziert geradezu, sich Gedanken zu machen.

teleschau: Erkannten Sie damals auf den ersten Blick, wie wichtig dieser Film ist?

Villeneuve: Ich möchte jetzt nicht arrogant wirken, aber ja, ich habe in "Blade Runner" von Anfang etwas Großes gesehen und den Film bewundert. Das ging fast schon in Richtung Ehrfurcht. Es war der erste Film, den ich mir auf VHS-Kassette kaufte, was damals aufkam. Ich erinnere mich, dass ich den Film immer wieder angesehen habe, bis das Band durchgeleiert war. Und natürlich kaufte ich auch den Vangelis-Soundtrack.

teleschau: Warum sollte das arrogant wirken?

Villeneuve: Damals lebte ich in einem kleinen Dorf in Kanada, quasi abgeschottet von der Welt. Ich war also allein mit dem Film: Es gab kein Bewertungsportal wie "Rotten Tomatoes", man musste sich selbst ein Urteil bilden. Und das fiel bei mir anders aus als das vieler zeitgenössischer Filmkritiker. Irgendwann las ich in der Schulbibliothek Rezensionen und war völlig perplex, wie schlecht "Blade Runner" aufgenommen wurde.

teleschau: Bei so viel Respekt und Bewunderung: Wie groß war denn der Druck, der auf Ihnen als Regisseur der Fortsetzung lastete?

Villeneuve: Bevor ich zusagte, empfand ich es schon als gewisse Last, das muss ich zugeben. Als mir die Produzenten das Drehbuch anboten, fühlte ich mich geehrt, das mir so viel Vertrauen entgegengebracht wurde. Ich brauchte ziemlich lange, bevor ich zusagte. Zwischendurch hatte ich sogar schon mal dankend abgewunken. Die Aufgabe erschien mir riesig. Außerdem war ich gerade mit der Postproduktion von "Sicario" beschäftigt und bereitete "Arrival" vor. Es passte schon von den Terminen her nicht.

teleschau: Was gab den Ausschlag, dass Sie Ihre Meinung änderten?

Villeneuve: Die Produzenten ließen nicht locker: "Wir wollen, dass es klappt, und ändern auch den Zeitplan." In dem Moment war mir klar, dass ich eine wichtige Entscheidung treffen musste. Technisch traute ich mir den Film zu, das war schnell entschieden. Ich hatte schon lange davon geträumt, einen Science-Fiction-Film von dieser Größenordnung zu machen, aber viele Angebote wegen Drehbüchern abgelehnt, die mich nicht überzeugten. Aber würde ich damit klarkommen, dass mich die ganze Welt äußerst kritisch beurteilen würde, weil ich mich an diesen Kultfilm wage?

teleschau: Schwierige Frage.

Villeneuve: Ganz ehrlich: Am Ende wollte ich schlicht und ergreifend nicht, dass jemand anderes die Welt, die ich seit Ewigkeiten kenne und liebe, versaut. Also sagte ich mir: Ich mache es und akzeptiere mein Schicksal und nehme in Kauf, dass meine Erfolgsaussichten nicht besonders groß sind. Mit dieser Entscheidung fiel die Last von meinen Schultern: Ich konnte mich darauf konzentrieren, "Blade Runner 2049" so zu machen, wie ich es will, ohne Kompromisse für ein vielleicht überkritisches Publikum, sondern aus purer Liebe zum Kino heraus. Plötzlich fühlte ich mich frei - und bin es bis heute, weil ich auch die Schwächen des Films akzeptiere. Einzig Ridley Scott bereitete mir Bauchschmerzen. Aber er sah den Film und hob den Daumen.

teleschau: Schon bei der Kinofassung? Wird es von "Blade Runner 2049" auch einen Director's Cut und einen Final Cut geben?

Villeneuve: Sie werden vielleicht schmunzeln: Ein paar Leute vom Studio kamen wirklich auf mich zu und fragten, ob ich noch einen Director's Cut wolle. Ich antwortete: "Wovon redet ihr? Das hier ist mein Film, mein Director's Cut. Punkt." Wenn er jemandem nicht gefällt, ist es allein meine Schuld. Das war übrigens auch ein Grund, dass ich den Film überhaupt machte: Ich wusste, dass ich mit Menschen zusammenarbeite, die meinen kreativen Freiraum respektieren.

teleschau: ... und Ihnen keine Vorschriften über die Laufzeit machen: "Blade Runner 2049" ist immerhin 50 Minuten länger als der erste Film.

Villeneuve: Wirklich? War "Blade Runner" so kurz? Aber wissen Sie was? Die Story ist auch ein bisschen komplexer geworden.

Andreas Fischer

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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