Renn wenn du kannst
Zaungäste auf dem Balkon

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Benjamin (Robert Gwisdek) beobachtet sie manchmal auf ihrem Weg
zur Uni vom Balkon aus. Benjamin sitzt da mit einem Fernrohr,
versteht sich aber nicht als Stalker. Er sitzt im Rollstuhl, was
ihm jedes Recht gibt, zynisch zu sein und andere zu beobachten.
Er kann eh nur als Zaungast in andere Leben blicken. Seine Zivis
nennt er gerne mal "Schwester Michaela" und kommandiert
sie herum, bis sie sich ebenfalls fast das Genick brechen.
Christian ist der Neue. Er geht selbstbewusst in die Höhle
des Löwens und kommt erstaunlich gut mit dem bösartigen
Humor seines Klienten zurecht. Schon am ersten Abend teilen sie
eine Feierabendzigarette und Christian bringt Benjamin dazu, ihn
nicht "Schwester Christiane" zu nennen.
Sie lernen Annika kennen. Was folgt ist Freundschaft,
Philosophieren unter dem Großstadthimmel, Klavierkonzerte
unter Sternen, Pannenreparaturen an Beinen und Reifen.
Gleichermaßen humorvoll wie tiefsinnig begleitet
Brüggemann die Freunde. Das Auffälligste: Sie sprechen
normal, sie agieren ohne Kinogesten. Die Figuren sind lebendig,
die Dialoge machen Spaß. Man merkt, wie Annika beide mag. So
unterschiedlich die Jungs sind, sie holt aus ihnen das Beste
heraus. All das ist kein Überbrücken, es geht nicht
darum, den Richtigen auszuwählen. Bei "Renn wenn du
kannst" ist das Ziel, zu erkennen, dass es keine
Schnittmenge aus Menschen gibt.
Brüggemann geht es um Attraktivität, den Wert, den man
hat. Kann man durch Ideen physische Beschränkungen
überwinden, ist eine der Fragen, die er stellt. Denn sie ist
seiner Meinung nach eng mit der Natur des Kinos verknüpft.
Sein Film ist eine lange Momentaufnahme. Abgesehen von dem
überambitionierten Ende, das zu gierig und zu metaphorisch
alles will, bleiben viele Augenblicke lange in Erinnerung, weil
sie von Ehrlichkeit geprägt sind.
Den Film selbst prägt Robert Gwisdek mit seiner
unglaublichen Darstellung des Benjamin. Was für Facetten!
Was für Mauern! Und gleichzeitig gibt es eigentlich keine
Szene, in der man nicht über diesen trockenen Humor lacht,
obwohl man seine Bitterkeit erkennt. Nie hat jemand so
entschieden danach verlangt, dass die Welt ihn bitteschön
verletzen soll. Er erwartet ohnehin nichts anderes. Eine
Glanzleistung des 26-jährigen Sohnes von Corinna Harfouch
und Michael Gwisdek, die ganz gewiss nicht mit Genetik zu
erklären ist.















