Kino

Renn wenn du kannst

Zaungäste auf dem Balkon

VergrößernFreundschaft oder doch mehr? Die Begegnung dreier Menschen, ein Mädchen, zwei Jungs, ist das wirklich unerschöpfliche Thema von "Renn wenn du kannst".
© Zorro Film
Daniel Brühls Erlebnisse als Zividienstleistender standen unter dem Titel "Nichts bereuen". Prägend sind die Begegnungen auch für Jacob Matschenz, der diesmal den Betreuer gibt, aber mindestens so viel lernt wie die anderen Beteiligten. Dietrich Brüggemanns "Renn wenn du kannst" eröffnete die diesjährige "Perspektive Deutsches Kino" bei der Berlinale und ist der spannendste Film über das Erwachsenwerden seit Langem.

Das ungekünstelte Drehbuch, das Dietrich Brüggemann - wieder - mit seiner Schwester Anna geschrieben hat, setzt drei Menschen in Szene, die auf der Stelle treten. Anna Brüggemann spielt das Mädchen, das weniger zwischen den beiden Jungs als vielmehr sich selbst im Weg steht: Annika. Sie lebt in einer WG, die ihr nicht guttut, und spielt Cello. An dem Perfektionismus, den sie sich auferlegt, kann sie nur scheitern.

Benjamin (Robert Gwisdek) beobachtet sie manchmal auf ihrem Weg zur Uni vom Balkon aus. Benjamin sitzt da mit einem Fernrohr, versteht sich aber nicht als Stalker. Er sitzt im Rollstuhl, was ihm jedes Recht gibt, zynisch zu sein und andere zu beobachten. Er kann eh nur als Zaungast in andere Leben blicken. Seine Zivis nennt er gerne mal "Schwester Michaela" und kommandiert sie herum, bis sie sich ebenfalls fast das Genick brechen. Christian ist der Neue. Er geht selbstbewusst in die Höhle des Löwens und kommt erstaunlich gut mit dem bösartigen Humor seines Klienten zurecht. Schon am ersten Abend teilen sie eine Feierabendzigarette und Christian bringt Benjamin dazu, ihn nicht "Schwester Christiane" zu nennen.

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Sie lernen Annika kennen. Was folgt ist Freundschaft, Philosophieren unter dem Großstadthimmel, Klavierkonzerte unter Sternen, Pannenreparaturen an Beinen und Reifen. Gleichermaßen humorvoll wie tiefsinnig begleitet Brüggemann die Freunde. Das Auffälligste: Sie sprechen normal, sie agieren ohne Kinogesten. Die Figuren sind lebendig, die Dialoge machen Spaß. Man merkt, wie Annika beide mag. So unterschiedlich die Jungs sind, sie holt aus ihnen das Beste heraus. All das ist kein Überbrücken, es geht nicht darum, den Richtigen auszuwählen. Bei "Renn wenn du kannst" ist das Ziel, zu erkennen, dass es keine Schnittmenge aus Menschen gibt.

Brüggemann geht es um Attraktivität, den Wert, den man hat. Kann man durch Ideen physische Beschränkungen überwinden, ist eine der Fragen, die er stellt. Denn sie ist seiner Meinung nach eng mit der Natur des Kinos verknüpft. Sein Film ist eine lange Momentaufnahme. Abgesehen von dem überambitionierten Ende, das zu gierig und zu metaphorisch alles will, bleiben viele Augenblicke lange in Erinnerung, weil sie von Ehrlichkeit geprägt sind.

Den Film selbst prägt Robert Gwisdek mit seiner unglaublichen Darstellung des Benjamin. Was für Facetten! Was für Mauern! Und gleichzeitig gibt es eigentlich keine Szene, in der man nicht über diesen trockenen Humor lacht, obwohl man seine Bitterkeit erkennt. Nie hat jemand so entschieden danach verlangt, dass die Welt ihn bitteschön verletzen soll. Er erwartet ohnehin nichts anderes. Eine Glanzleistung des 26-jährigen Sohnes von Corinna Harfouch und Michael Gwisdek, die ganz gewiss nicht mit Genetik zu erklären ist.

Claudia Nitsche
Renn wenn du kannst
D, 2009
Drama
Regie: Dietrich Brüggemann
Darsteller: Robert Gwisdek, Anna Brüggemann, Jacob Matschenz u.a.
Starttermin: 29.07.2010
Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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