Kino / Portraits

Frau mit Mut und Wunden

Yvonne Catterfeld spielt in den "Wolfsland"-Krimis (Donnerstag, 24.05. und 31.05., jeweils 20.15 Uhr, ARD)

Im Frühjahr 2015 zählte die Mittdreißigerin Yvonne Catterfeld fast schon zur Kategorie "Leute von gestern". Die Popkarriere als Dieter Bohlens blonde Wunderstimme war verblichen. Und in Sachen Schauspielerei? Da sollte die 1979 geborene Erfurterin vorwiegend Rollen spielen, die in erster Linie ein hübsches Gesicht erforderten. Der intime Sängertreff "Sing meinen Song" änderte dann alles. Seit jener TV-Show, so scheint es, erkennt Deutschland Yvonne Catterfeld als "erwachsene Künstlerin" an. Die Musik wurde besser, die Haare dunkler, und einen Coach-Sessel bei "The Voice of Germany" gab es auch. Selbst als Schauspielerin darf sich Catterfeld nun mehr zeigen. In der ARD-Krimireihe "Wolfsland", die im entlegenen Görlitz spielt, verkörpert sie in zwei neuen Filmen (24.05. und 31.05., donnerstags, 20.15 Uhr) eine mit seelischen Wunden behaftete Ermittlerin.

teleschau: Seit Frühjahr 2015 erleben Sie so etwas wie eine zweite Karriere - nach der ersten als hübsches Filmgesicht und Popstimme aus dem Chart-Radio. Sie wissen, worauf wir anspielen?

Yvonne Catterfeld: Ja, natürlich. Meine Teilnahme an "Sing meinen Song". Die hat in der Tat vieles verändert. Ich werde seitdem ernsthafter und erwachsener wahrgenommen. Deshalb bin ich als Team-Coach bei "The Voice" gelandet, was insgesamt meine Wahrnehmung als Musikerin und nicht als irgendein Gesicht, wie Sie sagen, verändert hat. Die Rollen sind dennoch vorher schauspielerisch nicht uninteressanter gewesen.

teleschau: In "Wolfsland" bilden Sie mit Götz Schubert ein Ermittler-Team in Görlitz. Was macht die Krimireihe in Ihren Augen interessant?

Catterfeld: Dass die Figuren mehr verschroben als sympathisch sind. Und dass wir die Chance haben, in jeder Folge etwas Neues zu probieren. Teil zwei war im letzten Jahr sehr psychologisch, das hat mir gut gefallen. Es gab viele Kammerspiel-artige Szenen, da konnte man schauspielerisch wirklich fein arbeiten. Nun laufen zwei neue Folgen, die wiederum sehr unterschiedlich sind. Spannend aber bleibt das Verhältnis zwischen Butsch und Kessie, wie er sie gerne nennt - und was bei uns zwischen den Zeilen passiert.

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teleschau: Spielt die Atmosphäre von Görlitz eine besondere Rolle?

Catterfeld: Ja, das Grenznahe und Entlegene spielt eine Rolle. Im ersten Teil ging es ja tatsächlich um Wölfe und Märchen. Alles war sehr mystisch. In Folge zwei wurde diese Mystik von Albträumen abgelöst, bei denen man nicht wusste - ist das jetzt real oder nicht. Ich mag diese Elemente und die Verwirrung, die sie stiften.

teleschau: Wie empfinden Sie Görlitz als Stadt?

Catterfeld: Ich mag Görlitz sehr. Es gibt einerseits wunderschöne, perfekt pittoreske Ecken. Da fühlt man sich beschützt und behütet. Fast als wäre man tatsächlich in einem Märchen. Und dann gibt es aber auch lange, menschenleere Straßenschluchten und Ecken, die etwas Kaltes, Trostloses, ja Angsteinflößendes haben. Es gibt Gegenden, da würde ich nachts nicht alleine hingehen. Als Heimat für unsere Filme passt diese Widersprüchlichkeit aber sehr gut.

teleschau: Spürt man das Dreiländereck, die Internationalität in Richtung Osteuorpa?

Catterfeld: Ja, dazu muss man nur über eine Brücke laufen. Vieles in dieser Region hat etwas Unfertiges. Wunderbar restaurierte alte Häuser und Straßenzüge - und in der Gasse um die Ecke ist noch alles verfallen. Das strahlt einen bestimmten Reiz aus.

teleschau: Kommen wir noch mal zurück zu Ihrem Comeback durch "Sing meinen Song" vor drei Jahren. Macht es demütig, wenn man erkennt, wie viel in der Karriere von einer einzigen Entscheidung, einem Angebot abhängt?

Catterfeld: Ja, es macht demütig. Es ist ja tatsächlich so, dass jede noch so kleine Entscheidung unser Leben - in alle Richtungen - komplett verändern kann. Bei "Sing meinen Song" war damals alles richtig: die Auswahl der Songs, wie ich sie musikalisch umsetzen wollte, die passende Chemie zwischen den Leuten, ein Format, das überraschend toll funktionierte - ein Glücksfall. Es passiert nicht oft, dass einfach alles stimmt. Und es hätte auch in die Hose gehen können. Denn "ohne" war das nicht, sondern harte Arbeit.

teleschau: Man hat kein Bauchgefühl für so etwas?

Catterfeld: Bauchgefühl und Intuition haben bei mir inzwischen das Sagen! Eigentlich ist es so, dass ich in besagten Momenten innerlich meist vor der Absage solcher Projekte stehe. In der Regel will ich solche Wagnisse erst mal gar nicht eingehen. Selbst "The Voice" wollte ich ablehnen, weil ich dachte: Da liegen viel zu viele Blicke und Erwartungen auf dir. Und dennoch sag ich dann doch irgendwann aus dem Bauch heraus "ja". Danach kommen jedoch die Zweifel und Fragen der Kategorie: Wie wird das alles? Wie schaff' ich das? (lacht).

teleschau: Sie tun sich schwer, weil Sie ein vorsichtiger, vielleicht sogar scheuer Mensch sind?

Catterfeld: Privat bin ich das überhaupt nicht. Was die Karriere betrifft, würde ich mich tatsächlich als eher zurückhaltend bezeichnen. Am Ende mache ich es dann trotzdem immer. Das ist so ein Prinzip bei mir: Stelle dich den Herausforderungen, auch wenn du große Angst hast!

teleschau: Ist das Prinzip, die Angst zu überwinden, bei Ihnen angeboren oder anerzogen?

Catterfeld: Dazu kann ich gar nichts sagen. Aber ich weiß natürlich - auch durch mein eigenes Kind -, wie sich Glaubenssätze und Ansichten der Eltern auf Kinder übertragen. Es ist großartig, das Angstmonster zu besiegen. Ich empfinde Stolz, wenn ich eine Hürde gemeistert habe.

teleschau: Wie empfinden Sie diesen Prozess bei sich selbst?

Catterfeld: Bei mir ist es so, dass ich erst ängstlich bin, dann mutig, und wenn ich mich sicher fühle, kommt dann so ein ausgelassener Übermut ins Spiel.

teleschau: Sie sind ein positiver Mensch ...

Catterfeld: Ja, ich denke schon. Das ist vielleicht meine größte Stärke - auch als Coach bei "The Voice". Ich weiß, wie toll es ist, an die eigenen Grenzen zu gehen, sie zu überwinden und eine Vision zu verfolgen. Das alles hat weniger mit Ehrgeiz zu tun als vielmehr damit, sich Träume oder Sehnsüchte zu erfüllen - und glücklich zu werden. Ich bin bei anderen ein guter Motivator, bei mir brauch ich manchmal jemanden, der mich wiederum motiviert - in beruflichen Dingen.

teleschau: Und Sie wissen nicht, wo dieser Charakterzug bei Ihnen herkommt?

Catterfeld: Vielleicht von meinem Papa. Der ist schon immer sehr sportlich gewesen und auch ein bisschen ein Draufgänger. Aber im Sport geht es nicht immer nur darum, besser zu sein als der andere und jemanden zu besiegen. Es ist die Lust, wie ich schon sagte, die eigenen Grenzen zu testen und zu überschreiten.

teleschau: Noch mal zurück zur Schauspielerei. Sie sind jetzt 38 Jahre alt. Haben Sie das Gefühl, dass Ihnen heute spannendere Rollen angeboten werden als früher?

Catterfeld: Ja, die Charaktere sind interessanter als früher. Ich erlebe gerade eine gute Zeit - mit meinem Alter. Man liest und hört allerdings auch anderes. Marie Bäumer sagte neulich in einem Interview, es würde schwieriger mit dem Älterwerden, gute Rollen zu bekommen. Wenn man diese Rollen bekommt, dann sind sie natürlich spezifischer. Man hat mehr Möglichkeiten, sie als Schauspielerin zu formen. Und man muss auch sagen: Auf Filme, Serien und Rollen bezogen gibt es derzeit mehr Möglichkeiten.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Catterfeld: Es werden viel mehr spannende Projekte realisiert als vor 15 oder 17 Jahren, als ich in diesem Metier anfing. Man denke nur an die Qualität heutiger Serien. Junge Schauspieler besitzen heute viel bessere Möglichkeiten, interessante Dinge zu tun, als wir damals. In meiner Zeit als Jungschauspielerin gab es hübsche Gesichter in anspruchslosen Serien oder eben ambitionierte Projekte, für die man aber kein hübsches Gesicht haben durfte. Mittlerweile denkt man viel "amerikanischer", wenn man das so sagen kann. Ein schönes Gesicht und tolle schauspielerische Leistungen schließen sich auch in Deutschland nicht mehr aus.

Eric Leimann

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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