Sonntag, 24.06.2018
14:51 Uhr


Kino / Portraits

Ein Kommissar mit Empathie

Gerd Silberbauer spielt in der ZDF-Krimiserie "SOKO München" den Chef Arthur Bauer (immer montags, 18 Uhr)

Vor fast zehn Jahren trat Gerd Silberbauer als Chef der "SOKO München" in die Fußstapfen der langjährigen Vorgänger Werner Kreindl und Wilfried Klaus. In der Traditionsserie, die im Januar 1978 erstmals im ZDF zu sehen war und damals fast zehn Millionen Zuschauer erreichte, ist er ein primus inter pares, der das kollegiale Teamwork pflegt. Auch mit den Tätern fühlt der Hauptkommissar oft Empathie. Vorverurteilungen sind ihm fremd. Hinter Bauers Faltenstirn verbirgt sich eine nicht zur Schau gestellte Autorität. Am Rande der Jubiläumsfeier zu 40 Jahren "SOKO" im Münchner Seehaus sprach der 1953 im Westerwald geborene Schwabinger mit Zweitwohnsitz auf Mallorca über "seinen" Kommissar, dessen aktuelle Staffel noch bis Ende März immer montags, 18 Uhr, im ZDF läuft.

teleschau: Herr Silberbauer, man darf es sagen: Ihr "SOKO"-Chef kommt ziemlich glaubhaft rüber - keine falsche Autorität, kein überzogenes Gehabe. Ihre Truppe hat sich in den vergangenen Jahren offensichtlich gut eingespielt.

Gerd Silberbauer: Meine Mitspieler, die ja alle jünger sind, aber vor allem die Truppe, die dahinter steht, ist wirklich toll. Ich liebe sie, wir sind wie eine richtige Familie. Nehmen Sie den Fahrer, "Herrn Schmitt", wie ich ihn nenne. Der holt mich morgens um halb acht zu Hause ab und fährt mich dann abends um sieben wieder heim. Wir drehen ja 25 Folgen à sieben Tage - dabei im Studio zum Teil vier Folgen simultan. Das geht mit wenigen Pausen von Mitte Februar bis Anfang Dezember. Das treibt einem Schweißperlen auf die Stirn. Ohne gutes Klima wäre das nicht möglich.

teleschau: Sie sind gelernter Theaterschauspieler, waren an den Münchner Kammerspielen. Längere Texte sind für Sie wahrscheinlich kein Problem.

Silberbauer: Ich spiele heute noch Theater, wenn es die Zeit zulässt, wir waren unter anderem mit "Des Teufels General" und der "Schachnovelle" auf Tournee. Mit den "SOKO"-Texten beschäftige ich mich immer ausführlich im Voraus. Wenn wir nach Mallorca fahren, habe ich die Drehbücher im Gepäck. Ich habe da eine richtige Strategie entwickelt und alles nach A-, B- und C-Drehtagen sortiert, je nach Anzahl der Szenen und Sätze, von viel bis leicht. Aber auch zu Hause setze ich mich noch vor der "Sportschau" damit hin.

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teleschau: Brauchen Sie das Theaterspiel als eine Art "back to the roots"?

Silberbauer: Es ist schon etwas Besonderes, wenn man nach zweieinhalb Stunden auf der Bühne den Beifall bekommt, wenn nach dem Stück aus der Nazizeit, in dem es ja um Zivilcourage geht, manchen Zuschauern in den ersten Reihen die Tränen in den Augen stehen. Man bekommt dann wahnsinnig viel zurück. Aber auch da haben wir eine tolle Zwölf-Mann-Truppe. Vor der Aufführung hören wir noch Rock'n'Roll, Nirvana oder Grateful Dead, und dann steigen wir in die Kostüme aus der Nazizeit. Das Thema, die Gewalt über Menschen, ist übrigens auch in diesen Zeiten wieder aktuell. Die Gewalt in Syrien, Präsident Trump, aber auch zuzusehen, wie sich meine Partei selbst zerfleischt, das ist alles kaum zu ertragen.

teleschau: Ihre Partei?

Silberbauer: Die SPD. Ich war mal Juso-Vorsitzender, im Westerwald. Aber das ist lange her, das war vor 40 Jahren. Jetzt lese ich Sahra Wagenknecht, die ja schreibt, dass 99 Prozent des Vermögens auf der Welt einem Prozent der Bevölkerung gehören.

teleschau: Wie kamen Sie zu Ihrer Rolle in der "SOKO"? Mussten Sie damals ein Casting durchlaufen?

Silberbauer: Man wollte die Chefrolle eigentlich mit einer Frau besetzen, entschied sich dann aber doch für einen Mann. Ich hatte zuvor in der "SOKO" mal die Rolle eines Verdächtigen gespielt und kam in die engere Auswahl mit zwei weiteren Schauspielern, die ich nicht kenne. Das ZDF und die UFA haben mich zu einem Gespräch darüber eingeladen, wie ich mir die Rolle vorstellte. Nach vier Wochen trafen wir uns wieder und stellten 90-prozentige Übereinstimmung fest, woraufhin ich die Rolle bekam, die mir gefiel: der einsame Wolf, der Gerechtigkeitsfanatiker, der primus inter pares. Einfach war die Entscheidung aber nicht. Man ist materiell abgesichert, aber eben auch für lange Zeit in klaren Strukturen eingekapselt.

teleschau: Inzwischen sind fast zehn Jahre vergangen. Ihr Vorgänger, Wilfried Klaus, hat 16 Jahre durchgehalten. Wollen Sie ihn toppen?

Silberbauer: Keinesfalls. Ich werde im April 65. Da denkt man schon mal an die Rente, was nicht heißen soll, dass ich morgen aufhören will. Aber der Horizont kommt näher, der Job wird anstrengender mit dem zunehmenden Alter. Genaueres wird aber nicht verraten.

teleschau: An den Zwängen - die Quote muss stimmen, die Handlung darf am Vorabend vor acht nicht zu brutal oder tiefgründig sein - liegt es nicht?

Silberbauer: Nein. Wir haben auch am Vorabend durchaus qualitätsvolle Bücher. Ich darf ein Beispiel geben: Der kürzlich gesendete Fall "Machtlos" war so eines. Darin will sich ein traumatisiertes Opfer an Bauer rächen, weil der ihn vor Jahren nicht gerettet hat. Stereotype Sätze, wie: "Wo waren Sie gestern zwischen neun und zehn?" sage ich übrigens gern. Eigentlich bringe ich nur einen Satz nicht über die Lippen - den in Drehbüchern beliebten Satz "Hatte er Feinde?" sage ich nie. Das sagt im wahren Leben kein Mensch über ein Opfer.

teleschau: Sie gelten als eingefleischter 1860-Fan, in ihrem Dienstzimmer im Polizeipräsidium, das jetzt bei der Jubiläumsfeier Christian Ude in seiner launigen Rede hintersinnig "die Löwengrube" nannte, steht ein 60er-Wimpel. Sind Sie etwa Masochist?

Silberbauer: Meine alte Leidenschaft für 1860 ging in den letzten Jahren stark zurück. Die ewigen Verlierer. Wobei ja auch die Helden in griechischen Tragödien stets Verlierer sind. Aber das hat sich inzwischen alles geändert. Ich gehe ins Stadion, wenn es die Zeit erlaubt, ich war sogar in Unterföhring und Garching. Auch in der vierten Liga wird ein feiner Fußball gespielt, der Unterschied zur zweiten Liga mit ihren Söldnertruppen ist längst nicht mehr so groß.

teleschau: Woher kommt Ihre Liebe zu Mallorca? Da sind Sie ja ganz weit weg vom Giesinger Stadion.

Silberbauer: Ich habe Mallorca 1993 anlässlich der Dreharbeiten zur Serie "Happy Holiday" kennen- und lieben gelernt und habe damals eine alte Finca gemietet. Nach einer längeren Pause zog es mich dann 2006 wieder dorthin zurück. Seit einigen Jahren bewohne ich dort mit meiner wunderbaren Freundin Gesa, die aus Hamburg kommt, mitten auf dem Feld, in der Pampa sozusagen, ein Haus. Ich mag die Insel. Sie hat die Großstadt Palma, Sandstrände und steile Felsenküsten, aber auch eine Infrastruktur, die mir gefällt. Man muss nicht über Sand und Felsen hoppeln, wenn man schnell irgendwo hinfahren will.

Wilfried Geldner

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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