Kino / Portraits

"Man muss die Menschen erschrecken"

Hannes Jaenicke ist "Im Einsatz für Nashörner" (Dienstag, 16. Januar, 22.15 Uhr, ZDF)

"Der Mensch ist bequem, er ist egoistisch, kurzsichtig und gierig!" - Wenn man Schauspieler Hannes Jaenicke so reden hört, könnte man meinen, er hat den Glauben an die Menschheit schon verloren. Doch ganz so hoffnungslos ist er doch nicht: Alljährlich, wenn der 57-Jährige fürs ZDF "Im Einsatz für" bedrohte Arten wie Delfine, Orang-Utans oder Haie ist, trifft er zugleich Menschen, die mit ihrem Engagement eine Menge bewegen. "Es gibt Tiere, die vom Ausrottungszustand tatsächlich zurückkommen", verkündet Jaenicke sichtlich bewegt beim Interview in München. Doch gerade das Beispiel der Nashörner, die im Zentrum von Jaenickes neuem Film (Dienstag, 16. Januar, 22.15 Uhr) stehen, zeigt: Es bleibt viel zu tun für den Umweltaktivisten. Und so ist es fraglich, ob er, wie er es sich eigentlich vorgenommen hat, 2018 mal einen Gang runterschaltet.

teleschau: "Tatort", "SAT.1"-Filme, Umwelt-Dokus ... - Haben Sie auch mal frei?

Hannes Jaenicke: Nö, das Jahr 2017 war ein bisschen extrem. Das muss wieder anders werden.

teleschau: Ist das Ihr Neujahrsvorsatz für 2018 - weniger arbeiten?

Jaenicke: Definitiv. Ich habe mich mal hingesetzt und überlegt - die ruhigen Wochen im vergangenen Jahr hatten so um die 100 Stunden, die richtig wilden noch mehr.

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teleschau: Aber wie funktioniert das denn? Schlafen Sie überhaupt mal?

Jaenicke: Wenig (lacht). Andererseits bin ich aber auch niemand, der sich gern aufs Sofa flezt. Ich gehe dann lieber segeln oder surfen - andere meditieren oder machen Yoga, ich geh aufs Wasser.

teleschau: Sie waren bereits im Einsatz für Gorillas, Delfine und viele weitere Arten. Jetzt sind die Nashörner dran. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie und Ihr Team, welches Tier im nächsten Film im Zentrum steht?

Jaenicke: Wir haben zwei großartige Redakteurinnen - Susanne Hillmann und Renate Marel - und mit denen sprechen wir uns ab. Die Liste der Tiere, die wir drehen könnten, ist endlos. Für die Nashörner haben wir uns entschieden, weil sie akut vor der endgültigen Ausrottung stehen. Vom Spitzmaulnashorn gibt es geschätzt noch zwischen 2.000 und 3.000. Wir fanden es absurd, dass dieses Tier immer noch durch die Manege des Circus Krone gepeitscht wird. Alle kreischen: "Oh, das arme Tier stirbt aus!" Aber für Zirkustricks ist es immer noch gut genug. Es ist auch immer noch erlaubt, als deutscher Auslandsjäger nach Afrika zu fliegen, ein Nashorn zu schießen und die Trophäe mit nach Deutschland zu bringen. Es gibt kein Trophäenimportverbot für bedrohte Tierarten. Wir haben das Thema also auch gemacht, weil es überraschend viel mit Deutschland zu tun hat.

teleschau: Gibt es Zahlen, wie viele Deutsche im Ausland zur Jagd gehen?

Jaenicke: Wir haben ein halbes Jahr lang Jagdverbände, Jagdzeitschriften und Jäger angeschrieben und um Interviews gebeten. Kein Einziger hatte den Mut, sich vor unsere Kamera zu stellen. Das sind also Männer, die offensichtlich den Mumm haben, von einem Geländewagen heraus mit einer Hightech-Waffe Tiere abzuknallen, die aber nicht den Mut haben, unsere Fragen zu beantworten. Mehr muss ich über diese Menschen nicht wissen.

teleschau: Man bekommt das von Deutschen gar nicht mit, man denkt bei Wildtierjagd in Afrika eher immer an die Amerikaner ...

Jaenicke: Die Amis sind ganz wild aufs Posen und Posten, da gibt es im Netz reichlich Beispiele, in Deutschland sind die Leute vorsichtiger geworden. Vor allem seit bekannt wurde, dass ein CDU-Umweltbeamter aus Thüringen im Jahr 2013 einen Elefanten geschossen hat. Das war, glaube ich, der letzte Deutsche, der sich getraut hat, das voller Stolz zu veröffentlichen. Ein Umweltbeamter! Die Amis sind halt dumm und laut. Gerade die aus Texas, die drapieren dann die US-Flagge über das tote Nashorn, die ganze Familie steigt drauf und feiert sich. Die Deutschen machen das leiser.

teleschau: Im Oktober wurde der Fotograf Brent Stirton mit dem "Wildlife Photographer of the Year Award" ausgezeichnet. Er bekam den Preis für ein Bild, das er von einem getöteten Nashorn in einem Wildreservat in Südafrika aufgenommen hatte. Braucht es solche Bilder, um die Menschen auf das grauenvolle Abschlachten dieser Tiere aufmerksam zu machen?

Jaenicke: Offensichtlich ja. Vielleicht muss man Menschen erst erschrecken, bevor sie auf etwas reagieren. Ich halte Aufklärungsarbeit im Allgemeinen für enorm wichtig. Mittlerweile weiß jeder Deutsche, der sich sein Billigfleisch von Lidl und Co. holt, wie das produziert wird. Er weiß auch, wie sein Billig-T-Shirt von Primark, H&M und C&A hergestellt wird. Bis sich das dann in das Kaufverhalten übersetzt, dauert es halt immer ein wenig. Trotzdem muss man die Aufklärungsarbeit fortsetzen. Mal eine andere Frage: Warum sehe ich auf Billig-Klamotten keine Kinder, die eine Nähmaschine bedienen oder Frauen in einem Sweatshop in Bangladesch, die in der 18. Stunde immer noch nähen? Solche Etiketten wie auf Zigarettenpackungen wären doch mal ein Ansatz.

teleschau: Sie sagen in der Dokumentation den Satz: "Zum ersten Mal habe ich es mit einem Tier zu tun, das jetzt gerade ausstirbt." Wie ging es Ihnen während der Dreharbeiten?

Jaenicke: Das war wirklich das erste Mal, dass wir sagen konnten: Dieser Nashorn-Bulle ist der letzte männliche Vertreter seiner Spezies. Er heißt Sudan, ist uralt, lebt im Ol-Pejeta-Schutzgebiet in Kenia und wird rund um die Uhr von zwei schwer bewaffneten Rangern bewacht. Da dachte ich mir schon: "Echt, wir haben es wirklich geschafft, diese Spezies endgültig auszurotten?" Die einzige Hoffnung für diese Art sind ein paar Wissenschaftler, die den drei verbliebenen Tieren Zellen, Sperma und Eizellen abgenommen haben, und die nun versuchen, ein Spitzmaulnashorn-Embryo im Reagenzglas zu produzieren, das dann von einem Breitmaulnashorn ausgetragen wird. So weit muss es kommen, bis der Mensch sagt: "Hoppla. Das sollten wir verhindern." Leider exemplarisch für unseren Umgang mit der Natur.

teleschau: Was ist Ihnen von den Dreharbeiten vor allem in Erinnerung geblieben?

Jaenicke: Reiche Vietnamesen, die sagen, das ist ja toll, je weniger Nashörner es gibt, desto höher steigt der Preis für die Hörner, und ich habe ja noch drei zu Hause herumliegen. Diese Ignoranz der Asiaten ist schwer zu ertragen. Dass da ein reicher Geschäftsmann sitzt, der geschäftlich oft mit seinen Partnern einen trinken geht und dann sagt: "Nashorn-Pulver ist ein tolles Mittel gegen Kater." Aber hey, der Mensch ist bequem, er ist egoistisch, kurzsichtig, gierig und behandelt Tiere als minderwertige Lebewesen oder Rendite-Objekt.

teleschau: Sie klingen sehr zynisch - haben Sie überhaupt noch einen Glauben an die Menschheit?

Jaenicke: Absolut! Ich treffe während meiner Dreharbeiten immer auch unfassbar engagierte Leute, die wirklich etwas bewegen. Es gibt Tiere, die vom Ausrottungszustand tatsächlich zurückkommen. Das Walfang-Moratorium war großartig, die Walbestände haben sich teilweise erholt. Schlimm genug, dass die Norweger, Isländer und Japaner immer noch jagen. Auch Störche waren bei uns faktisch ausgestorben und jetzt haben wir wieder welche. Es ist ein Lernprozess. Ein Land wie Botswana hat 2013 die Großwildjagd verboten, weil man eingesehen hat, dass mit lebenden Tieren mehr Geld zu verdienen ist als mit toten.

teleschau: Das Problem an solchen Filmen ist doch, dass ihn wahrscheinlich vor allem Leute anschauen werden, die das Thema sowieso interessiert. Wie erreicht man denn die anderen?

Jaenicke: Unsere Filme werden zum Teil in Schulen eingesetzt, was ich toll finde. Ich glaube, die Schule ist eine wesentliche Baustelle. Warum haben wir nicht ab der ersten Klasse das Schulfach "Nachhaltigkeit"? Warum wird Umweltschutz nicht bereits in der Schulbildung verankert? Wieso lernen die Kinder nicht wichtige Dinge wie nachhaltiges Leben, Müllvermeidung oder wie Lebensmittel produziert werden? Auch online werden unsere Filme viel gesehen. Ich treffe des öfteren Jugendliche oder Kinder, die mich nur aus diesen Dokus kennen. Die haben mich noch nie als Schauspieler im TV gesehen. Und nach dem "Heute Journal" um 22.15 Uhr bleiben vielleicht auch Leute dran, die sowas sonst nicht ansehen würden. Ich unterhalte mich oft mit den NGO's, mit denen wir arbeiten, und die haben nach der Ausstrahlung teils erstaunliche Spendeneinnahmen. Die deutschen Zuschauer sind sehr großzügig. Die Organisation, mit der wir damals den Orang-Utan-Film gedreht haben, hatte nach der Ausstrahlung siebenstellige Einnahmen zum Wiederaufforsten der gerodeten Wälder. Und alles nur wegen so 'nem Filmchen. Man kann irre viel bewegen. Und offenbar schauen das sehr wohl auch die richtigen Leute.

teleschau: Man ist oft versucht, zum Beispiel auf die Vietnamesen herabzublicken, weil sie unwirksames Nashornpulver benutzen: Aber bei uns gibt es auch derartige Verfehlungen ?

Jaenicke: Natürlich. Ist Nashornpulver schlimmer als Hummer zu essen, der lebend in kochendes Wasser geschmissen wird? Oder besser als Gänsestopfleber? Kaviar ist eine brutale Tierquälerei, und die Leute essen ihn als Delikatesse. Wir sind um keinen Deut besser. Auch hier gilt: Aufklärung und Geduld.

teleschau: Gerade im Fall Afrika fragt man sich oft: Was kann man hier machen, um die Tiere da unten zu schützen?

Jaenicke: Entwicklungshilfe ist oft gut gemeint aber falsch organisiert. Oft speist man damit nur die korrupten reichen Eliten in Afrika, das ist schwer zu kontrollieren. Das Zweite ist: Es wird oft gesagt, das sind ganz arme Schlucker, die Wildern gehen. Das stimmt oft gar nicht - das war mal so, ist aber lange vorbei. Das sind professionelle Syndikate, wie die Drogenmaffia. Wenn ein Horn über fünf Kilo hat, hat das einen Marktpreis von bis zu 70.000 Dollar pro Kilo. Das sind hochgradig professionelle, schwer bewaffnete Kriminelle, die den Nashorn-Handel betreiben. Die sind von der lokalen Bevölkerung oft geächtet. Einer der Wilderer hat uns in einem Interview gestanden: "Ich kann nicht zurück in mein Dorf. Die schlagen mich tot, weil die wissen, was ich mache."

teleschau: Im Herbst erschienen viele Artikel, die sich mit den Ergebnissen einer Langzeitstudie zum Thema Insektenschwund widmeten. Ist das Ihr nächstes Thema?

Jaenicke: Ich mache demnächst einen Film über Geparden und parallel dazu einen über Sing- und Zugvögel, und die Insektenthematik spielt bei deren Aussterben eine wesentliche Rolle. Der Grund, warum ganze Schwalben-Arten aussterben, ist der Mangel an Insekten. Der Grund für den Insektenschwund: Glyphosat und andere Pestizide. Und wer kauft Monsanto, den Hersteller von Glyphosat? Die deutsche Bayer AG! Man sieht keine Schmetterlinge mehr, fährt stundenlang über die Autobahn und hat keine Insekten auf der Scheibe. Kaum fährt man über den Brenner nach Italien, ist die ganze Scheibe voll mit Insekten. Warum? Italien hat Glyphosat verboten. So einfach ist das. Ein giftiges Pestizid ist weg vom Markt und schon hat man wieder mehr Insekten. Es bleibt viel zu tun.

Amelie Heinz

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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