Sonntag, 22.04.2018
12:46 Uhr


Kino / Portraits

Die Freiheit der mittleren Jahre

Wolfram Grandezka ist neu bei "Rote Rosen" (ab Dienstag, 9. Januar, 14.10 Uhr, ARD)

Elf Jahre lang war Wolfram Grandezka Deutschlands beliebtester Bösewicht. Als intrigantem Grafen von Lahnstein in der ARD-Daily "Verbotene Liebe" lagen ihm die Fans zu Füßen. Zuletzt drehte man das unter Quotenschwund leidende, ehemalige ARD-Erfolgsformat wohl nur noch, weil man "ihn" sehen wollte. Über Druck und Verantwortungsgefühl, das Grandezka gegenüber seiner alten Serie empfand, spricht der frühere Ehemann von Supermodel Nadja Auermann, mit der er einen Sohn hat, im Interview. Mittlerweile ist der 48-Jährige nach langem Urlaub in einem neuen Leben angekommen. In der ARD-Soap "Rote Rosen" (Montag bis Freitag, 14.10 Uhr, Das Erste) übernimmt er ab Dienstag, 9. Januar, die Rolle eines taffen Unternehmenssanierers. Ein dauerhafter Part, wenn auch nicht die Hauptrolle. Was Wolfram Grandezka Zeit für die anderen wichtigen Dinge im Leben lässt.

teleschau: Elf Jahre lang waren Sie Star der "Verbotenen Liebe". Dann wurde die Soap eingestellt. Welches Gefühl herrschte bei Ihnen vor: Erleichterung oder Leere?

Wolfram Grandezka: Beides, würde ich sagen. Wenn man etwas so lange macht und plötzlich gibt es diesen Charakter nicht mehr, ist es ein bisschen so, als wäre ein guter Freund gestorben. Ich habe die Rolle sehr gerne gespielt. Andererseits kam das Ende nicht überraschend. Die Quoten waren seit Jahren rückläufig.

teleschau: Nehmen Schauspieler so etwas persönlich?

Grandezka: Ich konnte es ganz gut auf Abstand halten. Außerdem glaube ich, dass der Rückgang gar nicht so dramatisch war, wie er gemessen wurde. Die Quotenermittler schauten nur darauf, wer das Format zur Ausstrahlung klassisch im Fernsehen verfolgt. Alle Leute, mit denen ich über "Verbotene Liebe" sprach, meinten, Sie würden das in der ARD-Mediathek schauen. Klar, wer hat schon um 18 Uhr Zeit, den Fernseher einzuschalten. Die Mediatheken-Nutzer wurden jedoch nicht gezählt, weshalb ich glaube, dass die gemeldeten Quoten mit der echten Nutzung einer Serie mittlerweile wenig zu tun haben.

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teleschau: Fühlten Sie sich betrogen?

Grandezka: Mein vorherrschendes Gefühl in der Endphase von "Verbotene Liebe" war Verantwortung - und, na klar, auch Anspannung. Wir haben das Ding am Ende als Wochenserie gedreht. Das war noch mal der Versuch, es mit einem anderen Ansatz zu probieren. Meine Figur war die beliebteste der Serie. Die Geschichten wurden auf mich zugeschnitten, auch wenn ich sie nicht als sehr glücklich empfand. Ich wusste, an meiner Arbeit hängen viele Jobs im Team. Das hat mich schon belastet.

teleschau: Haben Sie sich für die anderen verantwortlich gefühlt?

Grandezka: Naja, das bleibt ja nicht aus. Ich wusste, die Quoten sind schlecht und man sagte mir: 'Also wenn du jetzt aufhörst, dann war's das.' Mit vielen Menschen am Set habe ich lange Jahre zusammengearbeitet und von deren Engagement profitiert. Da waren viele Jobs dabei, in denen man nicht so gut verdient. Wenn ich weiß, dass diese Menschen sich bald nach einem neuen Job umsehen müssen. Natürlich lässt mich das natürlich nicht kalt.

teleschau: Sie selbst hatten keine Existenzängste?

Grandezka: Nein, ich habe das lange gemacht und die Figur war sehr bekannt. Ich hatte einen super Vertrag und gut verdient. Das kann man ja auch mal zugeben. Ich bin außerdem ein Typ, der meist positiv in die Zukunft blickt. Ich machte mir wenig Sorgen.

teleschau: In "Verbotene Liebe" waren Sie der Fiesling. Macht das etwas mit einem - über die vielen Jahre?

Grandezka: Ich hoffe, nicht. Es spiegelt sich vor allem in den Publikumsreaktionen wider. Einerseits hat man viele Fans, aber manche von denen - meistens sind es ältere Damen - sprechen einen schon mal auf der Straße oder an der Supermarktkassen an. Das die ein oder andere Sache, die man gemacht hat, nun wirklich nicht in Ordnung gewesen sei und so weiter (lacht). Ich hoffte dann immer, das sei im Scherz gemeint. Aber ich war mir nicht immer sicher. Manche Menschen identifizieren sich schon sehr stark mit solchen Serien.

teleschau: Sie waren ja auch über ein Jahrzehnt täglich in deren Wohnzimmer zu Gast ...

Grandezka: Ja, das muss man sich klarmachen. Allein über die Zeit, die solche Fans mit einem verbracht haben, wird man zum Teil der Familie. Wahrscheinlich haben mich manche dieser Menschen über die elf Jahre wesentlich öfter und intensiver gesehen, als ihre nahen Verwandten.

teleschau: Nun hatten Sie sozusagen drei Jahre Soap-frei. Hat sich Ihr Leben in dieser Zeit verändert?

Grandezka: Auf jeden Fall. Ich konnte die elf Jahre zuvor ja nie länger als ein paar Wochen weg sein. Der längste Urlaub, den ich in dieser Zeit hatte, war drei Wochen. Das war aber, glaube ich, nur einmal der Fall. Ich reise sehr gerne, es ist eine echte Leidenschaft von mir. Deshalb hatte ich mir nach dem Ende von "Verbotene Liebe" vorgenommen, einen sehr langen Urlaub zu machen. Ich hatte noch nicht mal mehr eine Schauspiel-Agentur.

teleschau: Wie wurden Sie in den Beruf zurücksozialisiert?

Grandezka: Im Sommer 2016 lag ich am Strand von Venice Beach in Kalifornien. Da erhielt ich einen Anruf, ob ich einen "Pilcher" machen will. Ich finde, so etwas darf man nicht absagen. Allein schon, weil meine Eltern das immer gucken (lacht). Drei Wochen später war ich in Cornwall am Drehen. Das hat dann auch wieder Spaß gemacht.

teleschau: Und dann kam die Anfrage von "Rote Rosen"?

Grandezka: Genau. Interessanterweise war ich kurz zuvor privat in der Lüneburger Gegend gewesen. Freunde hatten mir da ein Ferienhaus für eine Weile überlassen. Damals dachte ich: 'Mensch, das ist wirklich eine wunderschöne Gegend.' Und kurz danach bekomme ich ein Jobangebot von dort!

teleschau: In "Rote Rosen" spielen Sie nun aber nicht die männliche Hauptfigur, sondern einen Nebencharakter.

Grandezka: Ja, ich hatte erst das Angebot, die männliche Hauptfigur zu spielen, aber das war mir zu stressig. Ich wohne nach wie vor mit meiner Freundin in Köln. Auch mein sonstiges privates Umfeld befindet sich dort. Wäre ich bei "Rote Rosen" mit der männlichen Hauptrolle eingestiegen, hätte ich zehn Monate lang durcharbeiten müssen. Die drei Hauptfiguren, immer zwei Frauen und ein Mann, wechseln dort nach einem Jahr. Ich kenne dieses Leben ja schon - und es war mir aktuell zu stressig. Jetzt haben wir eine gute Lösung gefunden. Ich bin etwas seltener in Lüneburg, werde aber dafür wohl erst mal für zwei Jahre dabeibleiben.

teleschau: Haben Sie sich denn ein bisschen auf den Ort eingelassen?

Grandezka: Ja, na klar. Ich habe mir auch eine Wohnung in Lüneburg genommen. Je älter ich werde, desto wichtiger wird mir die Natur. Ich wohne zwar auch in Köln naturnah, aber in Lüneburg ist das natürlich noch mal intensiver. Ich bin jetzt 48 Jahre alt und muss nicht mehr in Berlin-Mitte wohnen. Mir reicht es, wenn ich das Urbane von Zeit zu Zeit sehe - und ansonsten meine Ruhe habe.

teleschau: Sind Sie ein Naturbursche, der viel Zeit draußen verbringt?

Grandezka: Ich muss nicht jeden Tag Holz hacken, ich bin auch kein Wandersmann. Ich schaue aber gerne ins Grüne, wenn ich aus dem Fenster blicke. Letztes Wochenende war meine Freundin in Lüneburg, und wir waren stundenlang mit dem Hund draußen. So etwas gefällt mir heute. Früher war das anders.

teleschau: Wie denn?

Grandezka: Ich bin mit Anfang 20 nach Berlin gegangen, habe danach länger in New York gelebt. Ich war immer mittendrin und habe das Pulsierende, die Power der Metropolen sehr genossen. Auch das Anonyme der Großstadt gefiel mir, denn so kann man machen, was man will. Anfang der 90-er war Berlin ein riesiger Spielplatz. Jeder konnte tun, was er wollte. Alles war irgendwie erlaubt. Heute wohne ich in Köln am Stadtwald. Ich habe eine Dachgeschoss-Wohnung und schaue von dort aus in den Park. Trotzdem ist es mir manchmal noch zu laut. Wenn sich in der Tempo-30-Zone vor meiner Wohnung irgendwelche am Verkehr teilnehmenden Idioten gegenseitig beschimpfen, bekomme ich einen Föhn. Man wird empfindlicher im Alter. Ich weiß noch nicht, wie ich das bewerten soll - aber es ist so.

teleschau: Haben Sie ein Hobby, das zu dieser Sensibilität passt?

Grandezka: Kann man so sagen. Ich fotografiere sehr gerne - vor allem Landschaften. Früher hatte ich nie Zeit für Hobbys. Auch weil ich ein Kind habe - einen Sohn, mit dem ich die freie Zeit verbringen wollte. Er war nur jedes zweite Wochenende bei mir. Klar, das Alter gewährt einem auch Freiheiten, die kommen, wenn die Kinder größer werden. Man muss sich diese Freiheiten aber auch nehmen, indem man berufliche Entscheidungen trifft. Mir geht es sehr gut damit.

Eric Leimann

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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