Kino / Portraits

"Ich will sagen: Das war es wert!"

Wolfgang Stumph spielt in "Harrys Insel" (Freitag, 1.12., 20.15 Uhr, Das Erste)

Wolfgang Stumph ein Sturkopf? Nein, viel zu harmoniesüchtig - meint Stumph selbst. Zwar spielt der 71-Jährige in der wunderbaren Aussteiger-Komödie "Harrys Insel" (Freitag, 1. Dezember, 20.15 Uhr, Das Erste) mit Harry Stockowski einen besonders großen Streithahn, der sich mit seiner Widersacherin Susan Bennett (Katrin Sass) um eine Holzhütte in der kanadischen Wildness zankt. Doch im wahren Leben würde er in Konfliktsituationen eher nachgeben - wenngleich er "auch nicht vergesslich" sei. Ein Gespräch mit "Stubbe" über die untypische Besetzung der Tragikomödie, die Einöde rund um den Dreh als Fluch und Segen, Gluckengefühle und sächsische Schlitzohrigkeit.

teleschau: Wolfgang Stumph, was halten Sie von dem Spruch "der Klügere gibt nach"?

Wolfgang Stumph: Wenn der Spruch von einem Sachsen kommt, ist er jedenfalls sehr schlitzohrig. Weil der Sachse zwar nachgibt, aber trotzdem noch versucht, an Boden zu gewinnen (lacht).

teleschau: Geben Sie denn in Konfliktsituationen auch eher nach? Oder überlassen Sie das anderen?

Stumph: Sagen wir es mal so: Ich bin sehr harmoniesüchtig. Klar, um Probleme zu lösen, hilft manchmal das genannte "der Klügere gibt nach"-Sprichwort, also Diplomatie. Aber auch wenn ich nicht nachtragend bin, muss ich doch sagen: Ich bin auch nicht vergesslich.

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teleschau: In "Harrys Insel" treffen mit Harry Stockowski, gespielt von Ihnen, und Susan Bennett, gespielt von Katrin Sass, zwei sehr streitlustige Persönlichkeiten aufeinander. Eigentlich auch schauspielerisch gar nicht typisch für Sie.

Stumph: Im Film geht es um die großen Themen "Selbstbestimmung" und "Lebensabend", und mit Harry habe ich eine Rolle, die charakterlich tatsächlich so gar nicht wie zum Beispiel der "Stubbe" ist, sondern die Zuschauer überrascht und neugierig macht, was denn da mit dem und mir passieren wird.

teleschau: Hinzu kommt die Gegenüberstellung mit Katrin Sass, also eine Konstellation Sass und Stumph, die man so auch nicht erwartet hätte.

Stumph: Es stimmt, jeder Zuschauer denkt sofort: "Die beiden - geht denn das?" Man mag ein oberflächliches Bild von Katrin Sass haben, das einem sagt: "Wenn die auf Stumph trifft, na dann wird's aber krachen!" Aber ähnlich wie Harry und Susan im Film, die sich ja Schritt für Schritt einander annähern und Empathie entwickeln, weil sie neben dem Streiten eben auch zuhören können und wissen wollen, was die Geschichte des anderen ist, war es auch bei uns. Wir hatten zuvor ja nicht so oft miteinander gespielt, unser Kennenlernen war also sehr jungfräulich, und während der Dreharbeiten haben wir auch gute acht Kilometer entfernt voneinander gewohnt, jeder in seiner eigenen Hütte.

teleschau: Und was hat Sie irgendwann zur Hütte des jeweils anderen geführt?

Stumph: Neugier. Die hat uns schließlich zu einem Team zusammenwachsen lassen.

teleschau: Haben Sie dann auch mal nach Feierabend bei einem Wein zusammengesessen und zum Beispiel über Politik gesprochen?

Stumph: Vor allem haben wir uns darüber unterhalten, wie wir es schaffen, die Leute auf unseren Film aufmerksam zu machen. Da waren wir auch immer einer Meinung. Und dann haben wir uns auch mal übers Leben im Allgemeinen ausgetauscht. Über dieses Land, dieses Europa, diese Zeit.

teleschau: Und da waren Sie sich auch immer einig?

Stumph: Ja, beziehungsweise immer mit großem Verständnis für die Haltung des anderen. Am Ende, als die Arbeit getan war, haben wir uns sogar etwas traurig voneinander verabschiedet.

teleschau: Zurück zu Harry. Hatten Sie wie er womöglich schon einmal das Bedürfnis, alles hinter sich zu lassen und woanders ein neues Leben zu beginnen?

Stumph: Was man mir ja oft vorwirft und was ich selbst auch beobachte: Ich bin eine Glucke. Ich kümmere mich gerne um meine Familie, meine Freunde, meine Arbeitspartner. Das alles versuche ich, immer in einem gesunden Maße zu halten, aber es führt eben dazu, dass ich mich nicht auf und davon machen würde.

teleschau: Was hat denn die kanadische Wildnis mit Ihnen gemacht?

Stumph: Wir hatten, wie bei einem Kammerspiel üblich, 21 arbeitsreiche Drehtage. Aber natürlich auch freie Tage, an denen ich die Einsamkeit auf der einen Seite sehr genossen habe, also den Ort, wo meine Hütte stand, und an dem man kaum einem Menschen begegnete. Manchmal kam ein Auto vorbei, und ich wunderte mich, dass ich vom Fahrer gegrüßt wurde. Ich dachte schon, die kennen mich dort in Kanada. Aber es ist wohl nur eine Höflichkeit der Kanadier in der dortigen Gegend. Das wurde mir spätestens beim zehnten grüßenden Fahrer bewusst . Andererseits muss ich doch sagen, dass ich mich wohler fühle, wenn ich die Wärme von anderen spüre und auch für sie da sein kann. Wie eine Glucke eben so ist (lacht).

teleschau: Sicherlich würden Sie auch die Arbeit vermissen, wenn Sie in so einer Einöde wohnten. Schließlich haben Sie einmal gesagt: "Arbeit ist für mich eine Form von Glück."

Stumph: Richtig. Ich bin ja auch nicht im Ruhestand, sondern im Unruhezustand, wenn auch in einem anderen Maße als zu der Zeit, in der ich im Jahr unter anderem drei "Stubbe"-Filme gedreht und noch 50 Kabarettvorstellungen hatte.

teleschau: Was reizt Sie derzeit an der Arbeit besonders?

Stumph: Die Vielfalt. Kürzlich habe ich zum Beispiel einen 90-minütigen Dokumentarfilm gedreht, war dafür in Irland und Vietnam. Der Film wird im Januar zu sehen sein. Seine Weltanschauung durchs Weltanschauen zu erweitern, das macht schon Spaß. Aber, wie der Sachse sagt: "Daheim ist es immer noch am schönsten."

teleschau: Beweisen müssen Sie sich allerdings schon lange nicht mehr. Was ist dann noch ein "Erfolg" für Sie?

Stumph: Die Chance, mit der mir eigenen Haltung etwas zu sagen und zu zeigen. Ich möchte mit stumph-sinnigen Ideen etwas ausdrücken. Ich will über jedes Projekt sagen können: Es war die eigene Lebenszeit und die des Zuschauers wert. Und dass ich meine Arbeit gerne und mit Absicht gemacht habe.

Erik Brandt-Höge

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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