Kino / Portraits

"Münster ist München in klein"

Leonard Lansink spielt auch im 55. Fall der Reihe den Ermittler "Wilsberg" ("Wilsberg - Straße der Tränen", Samstag, 11.11., 20.15 Uhr, ZDF)

Sage niemand, die Deutschen hätten keinen Humor. Der Schauspieler Leonard Lansink, 1956 in Hamm / Westfalen geboren, beweist das glatte Gegenteil. Witz und Selbstironie sind dem Mann nicht fremd. Wer sonst könnte etwa, nach den Umständen seiner Geburt befragt, von sich behaupten: "Ich war dabei, aber ich weiß leider nicht, wie es dazu kam." Lansink wurde von seiner Mutter in einer Klinik in Hamm zurückgelassen, der Vater blieb bis zum heutigen Tag unbekannt. Gut, dass sich die Schwester der Mutter und der Großvater seiner annahmen. So wuchs Lansink in Gelsenkirchen auf. Es war keine schlechte Kindheit sagt er, ihm habe nichts gefehlt. Seit mehr als 20 Jahren ist er nun der coole, manche sagen: phlegmatische Privatdetektiv und Antiquar zu Münster, der seine Fälle, mittlerweile 55, mit viel Humor und noch mehr Gelassenheit löst. Das nächste Mal unter dem Titel: "Straße der Tränen" am Samstag, 11. November, 20.15 Uhr, im ZDF.

Dass Lansink nicht der erste Wilsberg war, dass es vor ihm noch den von Joachim Król gespielten gab im allerersten Film, hängt ihm scherzhaft "immer noch am Bein". Das "Manko" wird allerdings merklich dadurch abgemildert, dass sich auch andere, wie etwa Robert Mitchum und Humphrey Bogart, einst die Rolle, in diesem Falle die des Philip Marlowe, teilten. Mitchum, man ahnt das, war Lansink lieber.

Er selbst hat vor seiner Zeit als Privatdetektiv und Archivar zu Münster viel Kino gemacht und hochwertige Fernsehfilme. Schon im legendären Roadmovie "Knockin' on Heaven's Door" mit Til Schweiger war er ein unbequemer Polizist, in der Comic-Adaption "Kondom des Grauens" zuvor ein wahrhaft sehenswerter Transvestit namens Babette.

Überhaupt hatte er nichts gegen kleinere Filme und kleine Rollen. In München, wo er nach der Essener Folkwangschule an angesehenen Kellerbühnen auftrat, zog es ihn beispielsweise an die Filmhochschule, um an Studentenfilmen mitzuwirken. "Ich dachte, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die auch nichts verdienen, sei super. Das sind die besseren Filme." Highlight allerdings war "King Kongs Faust" von 1984, wo Lansink einen erfolglosen Journalisten spielte, der hartnäckig auf der Suche nach einem deutschen Stummfilmregisseur ist. Halb Film-Deutschland spielte in der gefakten Doku mit, von Wim Wenders bis Doris Dörrie und Bernd Eichinger.

Für eine seiner schönsten Rollen, in Michael Gutmanns "Nur für eine Nacht", wo er den Vater eines krebskranken Jungen spielt, dem er die sehnlichst erwünschte erste Liebesnacht erfüllen will, bekam Lansink den Darstellerpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste. Vielleicht ist es das Los des Schauspielers, dass sich kaum noch jemand daran erinnert. Dafür kann Lansink in Münster, wo sie drei bis vier Wilsberg-Filme jährlich drehen, kaum drei Schritte gehen: "Ich geh' meiner Arbeit nach, und dann wieder nach Hause", sagt er. Eine etwaige Verwechslung von Spiel und Wirklichkeit kommt also nicht in Frage. "Man hat sonst dauernd eine Hand auf der Schulter und mehr Menschen um sich versammelt, als man will." Aber er lobt Münster und die Biergärten, die es dort genauso wie in München gebe: "Münster ist München in klein, und fast genau so schön."

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Lansink trat 2005 der SPD bei, "um Stoiber als Kanzler zu verhindern", wie er sagt - und fast gleichzeitig dem örtlichen Fußballverein Preußen Münster, der 1951 fast mal Deutscher Meister geworden wäre, aber dann das Endspiel vor 85.000 im Berliner Olympiastadion gegen den 1. FC Kaiserslautern verlor. Kaiserslautern mit der halben Weltmeistermannschaft um Fritz Walter. Allzu groß ist Lansinks Fußballeifer allerdings nicht. Er war Handballer, muss man wissen, warf sich auf der roten Erde des Ruhrpotts in den Dreck. "Ich war dumm, faul und mutig", erklärt er die von ihm gewählte Position im Tor.

Dass er den Wilsberg-Autoren nicht viel dreinredet, obwohl ja immer einiges für ihn auf dem Spiel steht, ist weniger durch Faulheit begründet: "Bei der ersten Drehbuchfassung sind die Autoren immer sehr ginant, und bei der dritten ist es ja dann leider schon zu spät." Zudem sei es auch eher ungehörig, reinzureden, "es ist ja nicht mein Film." Auf die Frage nach eventuellen Lieblingsautoren antwortet Lansink lapidar. "Sagen wir mal, die die öfter da sind, mögen wir." Um noch hinzuzufügen: "Hätten wir Dominik Graf als Autor oder Regisseur, dann hätten wir einen prima Dominik-Graf-Film, aber keinen 'Wilsberg' mehr."

Sagt's und zieht an seiner Elektro-Zigarette. Er war mal schwerer Raucher. Mit dem nun in seinem Gebrauch befindlichen "Asthma-Vermeidungsgerät" hat er sich des Lasters entwöhnt. - Lansink bekam 2017 den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen für sein Engagement gegen den Krebs, bereits 2008 wurde er als "Fahrradfreundlichste Persönlichkeit" in Deutschland ausgezeichnet. Eine Ehrung für zwei: für Wilsberg, der sich kein Auto leisten kann, und für ihn selbst, der es nicht über sich bringt, den Führerschein zu machen.

Viel lässt sich von Lansink über die Studentenstadt Münster lernen. Etwa, dass jeder der 60.000 Studenten zwei Fahrräder sein eigen nenne - "eins zum Geklautwerden, und eins zum Ausfahren". Eine seiner schönsten Geschichten ist aber doch die vom "99. Gründungskommers" einer Farben tragenden Verbindung. Nicht nur, dass Lansink, der dort auf Geheiß des ZDF-Intendanten eine launige Rede halten sollte, bei diesem Anlass seine spätere Frau Maren kennenlernte: "Noch nie habe ich so oft die Nationalhymne gesungen wie dort", versichert er. Die Nationalhymne werde nämlich immer dann gesungen, wenn beim Kommers einer "auschargiere", also höchst offiziell darum bitte, auf die Toilette zu dürfen, und ihn dann sämtliche Verbindungsbrüder brav begleiten.

Zwar gibt es für "Wilsberg" keinen längerfristigen Vertrag. Doch auch für das kommende Jahr sind wieder vier Filme geplant. Ohnehin ist Lansink um die Zukunft keineswegs bang. Er liebt den sperrigen Detektiv und hätte auch nichts gegen ein Crossover mit dem Münsteraner "Tatort" einzuwenden. "Wir sind kreative Kerle", sagt er über sich und die Wilsberg-Crew, "aber der WDR hat was dagegen." Immerhin hat er einen erstaunlichen Wunsch: "Wenn der Wilsberg stirbt, dann sollte das im 'Tatort' sein!"

Lansink findet, genüsslich an der E-Zigarette ziehend, ein Bierchen vor sich ("In München darf man das"), er sehe seinem Großvater - dem, den er kennt - unter der Lesebrille ähnlich. Die Mutter hat er mal getroffen, als er 30 war. Sehr zugänglich, auch auf Fragen nach dem Vater, war sie nicht. Rückblickend glaubt er jedoch, nichts vermisst zu haben. "Nur als Kind war es manchmal schwierig, weil ja die anderen normale Eltern hatten und man auf Fragen nach den eigenen keine guten Antworten wusste."

Wilfried Geldner

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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